Ösi-Wahl: SS siedelte Papa von VdB im Reich an, der war aber KEIN Nazi

20160522_Stichwahl_Alexander_Van_der_Bellen_7857
Prof. Sascha heute

Der Vorgang liegt 75 Jahre zurück und den unmittelbar Beteiligten tut schon lange kein Bein mehr weh – weswegen die Causa längst bei den Akten des Jüngsten Gerichts liegen müsste. Weil der österreichische Präsidentschaftskandidat aber immer als Flüchtlingskind geführt wird, lohnt es, sich die Umstände dieser Flucht anzusehen. Es war eine organisierte Umsiedlung, nachdem sich Hitler und Stalin Osteuropa aufgeteilt hatten. Die Eltern VdBs wurden auf Basis eines deutsch-sowjetischen Abkommens im Reichsgau Wien angesiedelt.

Der im Hintergrund dieser”Flucht” stehende “große Vertrag” zwischen dem braunen und dem roten Diktator wurde 1939 geschlossen. Er wird nach den involvierten Außenministern manchmal auch Ribbentrop-Molotow-Abkommen genannt.

Im geheim gehaltenen Teil wurden die Einflusssphären abgesteckt und dabei wurde Polen zum vierten Mal geteilt. Das Deutsche Reich verleibte sich Westpolen ein sicherte sich Zentralpolen als Protektorat (“Generalgouvernement“) – und die Sowjets marschierten in Ostpolen ein.

Die nach dem Ersten Weltkrieg unabhängig gewordenen baltischen Staaten, wo die Van der Bellens lebten, wurden ebenfalls der Sowjetunion zugeschlagen.

Allerdings sicherte sich Berlin das Recht, ethnische Deutsche, Volksdeutsche, heim ins Reich zu holen, was durch eigene Umsiedlungsabkommen geregelt wurde. Derlei fand damals in ganz Europa statt – von Südtirol bis ins heutige Russland. Mit der Durchführung war eine eigene SS-Organisation namens VoMI beauftragt (Volksdeutsche Mittelstelle).

Nun waren die Van der Bellens nicht unter den ersten, die sich zur Umsiedlung meldeten und das ist ein Indiz dafür, dass Prof. Saschas Vater in Estland kein illegaler Nazi gewesen ist. Van der Bellen senior war ja eigentlich Russe, (Mutter Van der Bellen freilich Volksdeutsche).

Die ersten “Repatriierungen” fanden bereits 1939 statt, die Familie kam aber erst mit dem im Jänner 1941 abgeschlossenen letzten Abkommen weg, der Vereinbarung über die Nachumsiedlung von Reichs- und Volksdeutschen.

Auf “welchem Ticket” ist unbekannt, wahrscheinlich auf dem der Mutter. Der väterliche Zweig der Familie hatte ja schon seit ungefähr Peter dem Großen in Russland gelebt. Er ist 1919 vor den Bolschewiki geflohen und das war der Gesundheit der Van der Bellens zweifellos zuträglich.  ;-)

Bei der Nachumsiedlung, mit der noch etwa 8.000 deutschstämmige Esten ins Reich geholt wurden, scheinen die eher weniger begeisterten Deutschen in der Überzahl gewesen zu sein, sowie die, die erst die Sowjetisierung Estlands am eigenen Leib erfahren mussten, ehe sie sich entschlossen abzuhauen.

Die SS kategorisierte die meisten als “Volksdeutsche, die bisher politisch indifferent waren, sonst aber als anständige Menschen bekannt waren”.

Na, jedenfalls wurde die Familie in Wien angesiedelt, wo, wie die “Zeit” schreibt, “Alexander (senior) Arbeit in einer Außenhandelsfirma findet”.

Erst 1944 wurde “unser Alexander Van der Bellen” geboren.

In den letzten Kriegsmonaten, als die Rote Armee Wien näher rückte, kehrte die Familie der Stadt den Rücken und floh (diesmal wirklich) nach Westen. Wobei sie laut Zeit bis zuletzt auf die Unterstützung des sich auflösenden Regimes zählen konnte:

Die Nazibehörden quartieren die Familie schließlich im Zollhaus von Feichten im Tiroler Kaunertal ein.”

Das konnten nicht alle in Anspruch nehmen, die damals vor den Russen flohen, aber honi soit, qui mal y pense.

Es gibt jedenfalls, wie die APA im Kurier feststellt, “keinen Hinweis auf (eine) Nazi-Verbindung”.

Aha, na dann.

Dazu fällt einem nur ein ehemaliger Bundeskanzler ein, der anlässlich einer (möglicherweise selbst in die Wege geleiteten) Polit-Affäre in den 1980ern trocken feststellte:

Nehmen wir also zur Kenntnis, dass nicht Waldheim bei der SA war, sondern nur sein Pferd.“

Literatur:

Roger Moorhouse, The Devil’s Pact. Hitler’s Pact with Stalin 1939 – 1941. 2014

Michael Garleff, Deutschbalten, Weimerer Republik und Drittes Reich. Bd. 2, 2008, hier bei Googlebooks.

Maria Fiebrandt, Auslese für die Siedlergesellschaft, 2014, hier bei Googlebooks.

Bild: Ailura via Wikimedia Commons, CC SA 3.0

Unabhängiger Journalist

Comments are closed, but trackbacks and pingbacks are open.