Griechenland-Rettungsverarsche 3: Fünf Jahre Elend in Hellas

 

"Das nächste ökonomische Super-Modell" (mit Holzbein) - Graffiti in Athen
“Das nächste ökonomische Super-Modell” (mit Holzbein) – Graffiti in Athen

Selten bin ich lustloser an das Verfassen eines Texts gegangen. Es gibt es kaum ein trostloseres Thema als Griechenland während der vergangenen fünf Jahre. So lange ist nämlich es schon her, seit dort die Krise “ausgebrochen” ist und seit die Zentrumsparteien die dortige sogenannte Reformpolitik in die Hand genommen haben. Die europäischen Sozial- und Christdemokraten und ihre griechischen Filialbetriebe sind für deren Scheitern in vollem Umfang verantwortlich.

Für den deutschsprachigen Internet-Nutzer gibt es eine Quelle, in der fast alles zu finden ist, was notwendig ist, um sich im Großen und Ganzen über den aktuellen Stand der Dinge zu orientieren. Es ist dies die umfangreiche und teilweise brilliante Analyse des Berliner Blogs Querschüsse, die auch für Nicht-Abonennten freigeschaltet ist. Sie findet sich hier

Das reale Bruttoinlandsprodukt des südosteuropäischen Landes ist seit 2007 um etwa 24 Prozent geschrumpft, auch 2013 ging es um 3,8 Prozent bergab. Die allgemeine Arbeitslosenrate liegt bei 27, die Jugendarbeitslosigkeit (je nach Monat) zwischen 55 und 60 Prozent.

Die Einzelhandelsumsätze befinden sich wieder auf dem Niveau von 1997, die monatlichen Pkw-Neuzuzlassungen auf jenem der Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Der Index der Industrieproduktion liegt auf dem Niveau der 1970er-Jahre.

Baugenehmigungen und Anlageinvestitionen gehen seit 2009 laufend zurück – übrigens wie die Arbeitnehmerentgelte. Es herrscht Deflation, das Volumen der ausständigen Unternehmenskredite sinkt auch in absouten Zahlen – und auch die Konsumentenpreise und Mieten gehen zurück.

All das war und ist Folge einer bewussten Politik, über die Preise und Löhne zum Sinken gebracht werden – wenn keine Möglichkeit besteht, abzuwerten und so den Wechselkurs als Ventil zu benutzen. Um nicht missverstanden zu werden:Ich bin sehr wohl der Ansicht, dass sich jeder, der keinen reichen Onkel hat, “der bezahlt”, nach der Decke strecken muss, die er zur Verfügung hat. Das bedeutet aber nicht, dass man alles, was schmerzhaft ist, schon als Reform bezeichnen kann.

Auf dem Papier hat die seit 2009 verfolgten  Dr. Eisenbart-Strategie einen gewissen, sehr beschränkten  Erfolg gehabt – denn das Handelsbilanzdefizit ist gesunken und auch die Leistungsbilanz war 2013 erstmals wieder positiv. Doch Papier ist – wie man weiß – geduldig.

Die Leistungsbilanz verbesserte hauptsächlich deswegen, weil die Importe gesunken sind, weil “niemand” das Geld/ den Kredit hat, sie zu bezahlen. Ist das ein “Erfolg”  ? Und zweitens war der Sommertourismus (aus dem Ausland) im vergangenen Jahr stark und ist um 15 Prozent gestiegen (Um wie viel wäre er gestiegen, wenn Griechenland noch seine Drachme und diese abgewertet hätte?)

Der Fremdenverkehr ist aber so ziemlich das einzige Lebenszeichen, das die griechische Wirtschaft seit fünf Jahren von sich gegeben hat.

Trotzdem glauben die Wirtschaftsforscher wieder einmal, einen Hoffnungsschimmer am Horizont ausmachen zu können und prophezeien für 2014 die “Rückkehr zum Wachstum” (+0, 6%) – nach sechs Jahren Rezession.

Und wirklich ! Eines schönen Tages im Verlauf der nächsten fünf Jahre wird die Blutung aufgehört habe, weil kein Blut mehr da ist und die Leute, die seit Jahren ein Ende der Talfahrt voraussagen, werden richtig liegen. Das wird ein Freudengeheul !

In letzter Konsequenz führt kein Weg an der Anpassung der relativen Löhne und Preise vorbei, wenn volkswirtchaftliche Produktion und Konsum nicht mehr zusammenpassen. Weiters kommt die „Abschlankung“ eines unproduktiven Staatsapparats und das Schleifen von wirtschaftlichen Privilegien spezieller Gruppen letztlich allen zugute (wie viel davon wirklich stattgefunden hat, traue ich mich nicht zu beurteilen – viel jedenfalls nicht).

Damit ist aber noch nichts über die massiven sozialen Folgen dieser Anpassung gesagt – nach einem vor ein paar Wochen publizierten Ranking des US-amerikanischen Cato-Instituts ist Griechenland zum zehntärmsten Land der Welt abgestiegen.

Der frühere (und wohl auch heutige) enorme Reformbedarf Griechenlands sagt auch nichts darüber aus, welche politischen Konsequenzen der Brachialkurs der vergangenen fünf Jahre hatte.

Der Zeitraum seit dem Ausbruch der Krise hat das politische System dieses Landes komplett zerstört und den Boden für eine erneute autoritäre Herrschaft aufbereitet. Die beiden Volksparteien, die seit dem dem Sturz der Obristen bis heute die Regierung stellen, sind völlig marginalisiert. Die traditionsreiche PASOK, die sozialistische Partei, gondelt bei fünf Prozent herum und die konservative Neue Demokratie (Christdermokratie) ist zu einer Kleinpartei abgestiegen.

Die beste Chance der „Demokraten“, die „faschistische“ Goldene Morgenröte davon abzuhalten, bei den EU-Wahlen stärkste oder zweistärkste Partei zu werden, ist, diese noch schnell zu verbieten. Aber das ist ein Thema, dem sich mein nächstes Posting widmen wird.

Klar ist nur eines: Hauptverantwortlich für das Entstehen dieser Situation sind die Zentrumsparteien in Athen, Brüssel & Strassburg und Wien – sowie in 16 anderen Hauptstädten von „Euroland“.

 Foto: Villiamcurtis, Wikicommons

Unabhängiger Journalist

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