Am 18. August war es so weit. Der Schuldenstand der USA durchbrach die Marke von 40 Bill. USD. Damit steht die US-Verschuldung bei knapp 125% des BIP. Oder beträgt sie doch nur 100%? Die US-Verschuldungszahlen stiften immer wieder Verwirrung. So oder so: Die Verschuldungslage wird für die USA zur Belastung, und damit auch für die Welt. Von Gregor Hochreiter
Die USA sind die führende Volkswirtschaft der Welt. Die US-Wirtschaftsdaten werden weltweit mit Argusaugen verfolgt wie auch die wirtschaftspolitischen Beschlüsse. US-Schuldverschreibungen sind das Rückgrat des globalen Finanzsystems, so wie der US-Dollar global betrachtet mit Abstand die wichtigste Fiat-Währung ist.
Umso überraschender ist, dass die vom allgemeinen Standard abweichende Berechnung der öffentlichen Schulden kaum eine Aufmerksamkeit erhält.
Absolute Schuldenhöhe statt relativem Verschuldungsgrad
Die erste Anomalie ist, dass in den USA vorrangig der absolute Schuldenstand Gegenstand der öffentlichen Debatte ist.
So wird das Überschreiten jeder neuen Billion an US-Staatsverschuldung medial und politisch thematisiert wird. (Im weiteren Verlauf wird sich weisen, dass dieser übliche Begriff für die USA normalerweise unzutreffend ist.)
Das Maastricht-Kriterium der Staatsverschuldung von 60% bezieht sich dagegen auf die Höhe der Staatsverschuldung relativ zur Wirtschaftsleistung. Und nahezu alle wirtschaftspolitischen Publikationen ziehen den relativen Verschuldungsgrad für ihre Analysen heran.
In den USA beschränkt hingegen die vom US-Kongress gesetzlich verankerte absolute Schuldenobergrenze eine darüber hinausgehende Schuldenaufnahme.
Derzeit liegt sie bei 41,1 Billionen USD. Mehr Geld darf das US-Finanzministerium nicht aufnehmen. Diese absolute Schuldenobergrenze liefert die Erklärung für die starke Betonung des absoluten Schuldenniveaus in den USA.
Hier der Anstieg im Chart eines großen US-Fernsehsenders:
Ein wenig relativiert sich die Schuldenorgie der USA, wenn man die US-Schuldenentwicklung logarithmisch darstellt. Schließlich ist jede zusätzliche Billion an Schulden relativ betrachtet ein geringerer Anstieg als die vorherige.
Ausgehend von einem Schuldenstand von 1 Bill. USD entspricht eine Schuldenausweitung um eine weitere Billion einem Anstieg um 100%, ausgehend von einem Schuldenstand von 39 Bill. USD erhöht diese Billion die Verschuldung hingegen nur mehr um 2,6%.
Zudem entwertet die Inflation die reale Kaufkraft des US-Dollars. Eine 1970 aufgenommene Billion an US-Schulden entspricht aktuell rund 8,6 Billionen USD.
100% oder 125% US-Verschuldung? Das ist die Frage
Die nun mehr als 40 Bill. USD an US-Staatsverschuldung entsprechen rund 125% des BIP. Das ist mehr als die Verschuldung Frankreichs. Mitunter wird die US-Staatsverschuldung aber auch mit rund 100% oder rund 32 Bill. USD angegeben. Dementsprechend wird der aktuelle Zinsendienst der USA das eine Mal mit rund 1 Bill. USD angegeben und das andere Mal mit rund 1,25 Bill. USD. Was ist der Grund für diesen Unterschied?
Der niedrigere Wert bezieht sich auf die von der Öffentlichkeit gehaltenen US-Staatsverschuldung, im Englischen „Federal debt held by public“. Diese Schuldtitel können am Sekundärmarkt frei gehandelt werden.
Der höhere Wert – „Total public debt“ bezieht nicht-handelbare Schuldtitel mit ein. Rund 95% der insgesamt fast 8 Bill. USD halten öffentliche Treuhandfonds im Bereich der Sozialversicherung, mit dem „Federal Old-Age and Survivors Insurance Trust Fund“ („Social Security) und dem „Military Retirement Fund“ als den beiden größten.
Gemäß internationalen Regelwerken werden derartige intra-governmentale Schulden – d.h. wenn der Gläubiger eine staatliche Institution ist, normalerweise herauskonsolidiert.
So hat in der Alpenrepublik Finanzminister Marterbauer die Bundesländer und Gemeinden aufgerufen, überschüssige Liquidität in kurzläufige Bundesanleihen der Republik, sogenannte Bundesschätze, anzulegen. Der banale Grund: Von anderen Gebietskörperschaften erworbene Staatsanleihen werden gemäß ESVG 2010 sowie Verordnung (EG) Nr. 479/2009 und dem „Manual on Government Deficit and Debt – Implementation of ESA 2010“ konsolidiert und reduzieren damit die Staatsschuldenquote.
Die US-Staatsverschuldung ist nicht die Verschuldung des US-Staats
Bislang wurde der im Kern falsche Begriff „Staatsverschuldung“ für die USA verwendet. Denn für gewöhnlich werden für die USA nur die Bundesschulden („federal debt“) ausgewiesen, in Europa und von den internationalen Organisationen hingegen die Staatsschulden.
Der Sektor Staat umfasst – je nach Staatsaufbau – neben dem Bund bzw. der Zentralregierung auch noch die Bundesländer bzw. Teilstaaten und Gemeinden oder andere lokale Gebietskörperschaften. Die gesetzlichen Sozialversicherungen, sofern diese auf gesetzlich verpflichtenden und politisch kontrollierten Beitragszahlungen und Leistungen beruhen, zählen ebenso zum Sektor Staat.
Wie hoch sind nun die Staatsschulden der USA?
Das kommt darauf an. Internationale Organisationen ziehen bei den Bundesschulden den niedrigeren Wert von rund 100% des BIP heran. Die Verschuldung der Bundesstaaten und die lokalen Gebietskörperschaften muss geschätzt werden, da es kein einheitliches Regelwerk und auch keine Pflicht zur Konsolidierung gibt.
Diese Schätzungen schwanken naturgemäß. Der IWF weist für die USA (2024) eine Bundesverschuldung von 102,7% des BIP aus und eine Staatsverschuldung von 120,8%. Das ergibt eine Verschuldung der Bundesstaaten und lokalen Gebietskörperschaften von 18,1% des BIP. Die Sozialversicherungsfonds sind Gläubiger.
Aus Sicht des US-Finanzministers ist die Rechnung allerdings eine andere. Dieser muss die 40 Bill. USD refinanzieren und damit eine Verschuldung in der Höhe von 125% des BIP. Rechnet man die 18,1% der sonstigen öffentlichen Verschuldung hinzu, landet man bei knapp 140% des BIP. Damit läge die US-Verschuldung sogar über jener Italiens.
Starke Änderung der Gläubigerstruktur
Bemerkenswert ist zudem, wie sich die Gläubigerstruktur der USA verändert hat. Mehr als die Hälfte der US-Bundesschulden werden mittlerweile von privaten US-Investoren gehalten. 2015 lag deren Anteil noch unter 30%.
Ebenfalls leicht zugenommen hat der Anteil von ausländischen Privatinvestoren, während sich der Anteil ausländischer offizieller Institutionen seit 2008 in einem stetigen Abwärtstrend befindet und von etwas über 40% auf nur mehr etwas über 10% zurückgegangen ist.
Deutlich im Rückgang befindet sich die Federal Reserve als Gläubiger als Folge der quantitativen Straffung, wie der Chart einer großen Investmentbank zeigt
- nach dem starken Anschwellen auf Grund der markanten quantitativen Lockerung während der Corona-Pandemie.
Quo vadis, US-Verschuldung
Die beiden großen Treiber der US-Verschuldung sind das enorme Defizit und die seit einigen Quartalen kräftig anziehenden Zinsen.
Von seiner Ankündigung, den US-Bundeshaushalt in Ordnung zu bringen, ist Donald Trump meilenweit entfernt, nicht zuletzt wegen des höchstgerichtlichen Urteils, das nahezu alle Zölle für ungesetzlich erklärt und die Rückzahlung der zu Unrecht erhobenen Zölle angeordnet hat.
Folglich könnte sich das Defizit – auf Bundesebene – im mit per Ende September zu Ende gehenden Fiskaljahr 2026 in US-Dollar sogar ausweiten. Relativ zum BIP ist gegenüber dem Vorjahr eine Stabilisierung nun realistisch.
Mittelfristig erwartet das „Congressional Budget Office“ (CBO), der Budgetdienst des US-Kongresses, eine im Trend leicht abfallende Seitwärtsbewegung des US-Bundeshaushalts in tiefrotem Territorium.
Höchst problematisch ist, dass sich der Primärsaldo der USA – also das Haushaltsdefizit ohne Zinszahlungen – weiter deutlich im negativen Bereich bewegt. Italien verzeichnet dagegen seit mehr als 30 Jahren fast durchwegs Primärüberschüsse, sieht man von der Corona-Pandemie und dem Rezessionsjahr nach der Weltfinanzkrise 2007/08 ab. (N. B.: Die Prognose für Frankreich ist hoffnungslos überoptimistisch.)
Geht die Zinswette von Trump und Warsh auf?
Wirtschaftspolitisch sind die Trump-Administration und der neue Vorsitzende der Federal Reserve, eine riskante Wette eingegangen. Sie versuchen die Laufzeit der US-Bundesverschuldung zu kürzen.
Der erhoffte KI-Boom soll einen Produktivitätsboom auslösen und über eine sinkende Inflation der Federal Reserve Zinssenkungen ermöglichen. Eine kürzere Laufzeit der US-Bundesverschuldung würde es dann möglich machen, kurzläufige Staatsschulden zu niedrigeren Zinsen zu begeben und damit den Zinsendienst reduzieren.
Ob diese Wette aufgeht, darf bezweifelt werden. Aktuell notieren 6-monatige Treasury Bills bei über 3,85%, 10-jährige Bundesanleihen bei über 4,75% und damit jeweils über dem aktuellen Durchschnittszinsatz der US-Bundesverschuldung von 3,45%. Auslaufende Anleihen müssen daher im Regelfall durch höherverzinste Schuldscheine refinanziert werden, was den Zinsendienst weiter erhöht.
Bei den 10-jährigen US-Bundesanleihen vollzog sich im Herbst 2022 der epochale Wechsel. Nachdem jahrzehntelang neue 10-jährige Bundesanleihen mit einer niedrigeren als der Durchschnittsverzinsung begeben werden konnten, ist seither die Emissionsrendite neuer Bundesanleihen höher als die Durchschnittsverzinsung. 
Und im nächsten Jahr müssen mehr als 8 Bill. USD an US-Bundesverschuldung refinanziert werden. Das entspricht einem Viertel der handelsfähigen US-Verschuldung von etwas über 32 Bill. USD. Hinzu kommt darüber hinaus der Finanzierungsbedarf für das laufende Defizit, das auch im nächsten Jahr vermutlich um die 2 Bill. USD betragen wird. Hier die Größenordnungen des “Rollovers” in einem FT-Chart:
Die Prognosen des „Congressional Budget Office“, vergleichbar mit dem Budgetdienst des österreichischen Parlaments, sind hinsichtlich der Entwicklung des Zinsendienstes weniger optimistisch. Dieser ist in den vergangenen Jahren nach Ende der Niedrigzinsphase bereits deutlich gestiegen – und soll weiter scharf ansteigen.
Dabei sind die Annahmen zur Renditeentwicklung des CBO sehr optimistisch. Bis 2036 soll sich die Rendite der 10-jährigen Staatsanleihe von aktuell unterstellten und bereits deutlich zu niedrigen 4,1% auf lediglich 4,4% im Schnitt erhöhen, jene der 3-monatigen Treasury Bill soll von aktuell unterstellten 3,3% auf 3,1% fallen.
Bezogen auf die Steuereinnahmen des Bundes befindet sich der Zinsendienst mit aktuell rund 33% in diesem Jahrtausend auf einem weit überdurchschnittlichen Niveau, zeigt Wolf Richter. Historisch betrachtet ist dieser Prozentsatz aber noch weit von den Spitzenwerten jenseits der 50% entfernt.
Die implizite Verschuldung der USA ist deutlich höher
Es zählt zu den großen polit-ökonomischen Mythen, dass die USA keinen signifikanten Sozialstaat hätten. Die Schuldensituation der USA ist sogar noch dramatischer, wenn man die langfristigen Verpflichtungen der USA der langfristigen Steuereinnahmenentwicklung gegenüberstellt.
Die aktuellen Berechnungen des Statement of Long-Term Fiscal Projections des US-Finanzministeriums haben ergeben, dass die ungedeckten Verpflichtungen der USA in den nächsten 75 Jahren mittlerweile auf 88,4 Bill. USD angelaufen sind. 2021 waren es „nur“ 71,0 Bill. USD gewesen.
Das entspricht rund dem rund 2,75-Fachen des aktuellen BIPs der USA. Diese implizite Verschuldung ergibt zusammen mit den explizit ausgewiesenen Schulden von 125% des BIP eine Gesamtverschuldung des Bundes in den USA von zumindest 400% des BIP.
Zum Vergleich: Die aktuellen Berechnungen für Deutschland belaufen sich auf eine Gesamtverschuldung von etwas mehr als 450%.
Fazit
Vor Kurzem machte US-Finanzminister Scott Bessent eine markige Ankündigung. Er sei optimistisch, dass die USA – sprich die Bundesverschuldung – in den kommenden Jahren aus den Schulden herauswachsen werde. Dazu müsste das Nominalwachstum strukturell höher ausfallen als das Schuldenwachstum. Dies gelang in den mehr als 5 Jahrzehnten seit 1971 allerdings nur selten.
Ob der von der KI-(R)Evolution erhoffte Wachstumsschub tatsächlich einsetzen wird, wird die Zukunft weisen. Die Aussagen der US-Administration dürfen angesichts der historischen Erfahrungen durchaus als zweckoptimistisch gewertet werden.
Für die US-Wirtschaft im Gesamten ist es eine gewisse Erleichterung, dass die gesamtgesellschaftliche Verschuldung (Staat, Unternehmen, private Haushalte) sich seit Ende der Rezession im Jahr 2009 im Anschluss an die Weltfinanzkrise 2007/08 – von Corona einmal abgesehen – nur eine leichte Aufwärtsentwicklung aufweist.
Diese ergab sich auch nur, weil nach dem kräftigen Corona-Ausreißer die gesellschaftliche Gesamtverschuldung nicht ganz auf das Ausgangsniveau zurückkehrte.
Anders gesagt: Während sich die öffentliche Hand in den USA kräftiger verschuldet, reduzieren die Unternehmen und die privaten Haushalte sukzessive ihre Schuldenlast. Die Schuldenlast wird in den USA zwischen den ökonomischen Sektoren somit vornehmlich verschoben.
Und diese Verschiebung könnte auch wieder in die andere Richtung gehen. An der Problematik der markant anziehenden Zinsen, ändert das natürlich nichts.





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