EU-Gasversorgung nächster Winter: Bis jetzt keinerlei “Importprobleme”

Die Europäische Union ist in die soeben angelaufene “Ausspeichersaison” (offiziell) mit einem Handicap von etwa 9 Prozentpunkten gegangen, aber wenn es im kommendem Winter Probleme mit der Gasversorgung geben sollte, ist das nicht auf den “Persischen Golf” oder andere Minderimporte im vergangenen Sommer zurück zu führen. Das zeigen die Zahlen von Anfang April bis Ende September 2026. Zwar kam es kriegsbedingt zu einem Ausfall aus dem Mittleren Osten in Höhe von 5,7 Mrd. m3 und auch die USA lieferten fast 5 Mrd. Kubikmeter weniger als im vergangenen Sommerhalbjahr. Dies wurde aber durch Zuwächse u.a. aus Norwegen und Algerien teilkompensiert, sodass die EU in der vergangenen “Einspeichersaison” (= Sommerhalbjahr 2026) um 4,9 Mrd. Kubikmeter weniger Gas importierte, was aber nur etwa drei Prozent aller Einfuhren ausmacht.

Vorbemerkung: Dieser Blogger geht davon aus, dass es im kommenden Winter – vor allem, wenn dieser wirklich kalt und/oder lang wird – zu Versorgungsproblemen bei Gas kommt und deshalb “befragte” er “vorsorglich” öffentlich verfügbare Statistiken darauf, a) wie groß für die EU der bisherige direkte Ausfall von Erdgas/LNG von “hinter der Straße von Hormus” gewesen ist und b) ob es iim gleichen Zeitraum zu anderen größeren “Minderlieferungen” gekommen ist, die möglicherweise indirekt auf den seit acht Monaten schwelenden “neuen Golfkrieg” zurück gehen.

Dummerweise ist es Anfang Juli zu einem (schon länger angekündigten)”statistischen Bruch” gekommen, der dazu geführt hat, dass bestimmte Zahlenreihen nicht mehr im gewohnten Format veröffentlicht werden

- ein Problem, das aber durch den Einsatz von weitgehend identischen “Proxys” bewältigt werden kann. Das bedeutet für den Betrachter zwar zusätzliche Mühe – wo nötig, wurden besagte “Proxys” aber auch an vergangenes Jahr angelegt, sodass der Grundsatz “like for like” respektiert wird (weitere Erläuterungen im Text).

Um das Endergebnis dieser Nachschau gleich vorwegzunehemen:

Ja , in den vergsangenen Sommermonaten kam es in der EU zu Minderlieferungen, die freilich nicht so gravierend ausgefallen sind, dass sie besonders ins Gewicht fallen. Die (transparenten) wöchentlichen Importe schwanken wie in den Vorjahren völlig unbeirrt im Bereich von 5,5 bis 6 Mrd. Kubikmeter, am unteren Ende jener “range”, in der sie sich in den Jahren 2016 – 2020 bewegt haben,

siehe hier, “Figure 1″.

Steht eine – wie immer begründete – “supply disruption” auf Europas Tagesordnung, muss diese erst stattfinden (und hftl.statistisch abgebildet werden).

In den vergangenen Monaten fand trotz Krieg im Arabischen/Persischen Golf eine solche jedenfalls kaum statt.

Ausweislich der Zahlen des Import-Trackers von Bruegel hat die EU-27 heuer von Woche 14 bis Woche 39 – ein Proxy für das 2. und 3. Quartal – um bloße 4,9 Mrd. Kubikmeter weniger Erdgas importiert als im “importstarken Vergleichszeitraum” des Vorjahres (ebenfalls Woche 14 bis 39),

also 147,4 statt 152,3 Mrd. Kubikmeter Erdgas (siehe folgenden Screenshot)

EU-Gesamtimporte_Sommerhalbjahr_minus_4,9_Mrd.m3

Diese Menge entspricht freilich lediglich gut drei Prozent aller damaligen Gas-Einfuhren in die EU (Pipeline und LNG)

- was heuer möglicherweise aber zu einem langsameren Speicheraufbau geführt hat.

Woher kamen diese Minderlieferungen?

Die “Golfkriegs-Lücke”

Nun, der “größte Brocken” kommt – wenig verwunderlich – direkt aus dem “Mittleren Osten”, wo der Krieg die bisherigen Lieferungen jäh unterbrochen hat.

Gemäß dem vierteljährlichen Durchschnitt der (LNG-)Lieferungen 2025 und in (zufälliger) Übereinstimmung mit dem letzten vollen “Vorkriegsquartal” (Q4/25) wurden hier vierteljährliche Lieferungen aus “Middle East” in Höhe von 2,9 Mrd. m3 angesetzt, die um 0,1 Mrd. m3 verringert wurden, die im 2. Quartal noch durchgekommen sind (siehe Screenshot der aktuellen Bruegel-Daten).

screenshot_ME_imports_Bruegel

Der direkte Importausfall aus dem “neuen Golfkrieg” im zweiten und dritten Quartal beträgt also 2 x 2,9 Mrd. m3 – 0,1 Mrd. m3, mithin 5,7 Mrd. Kubikmeter.

Die “US-Lücke”

Es gibt in den vergangenen beiden Quartalen aber auch ein bisserl verminderte US-Lieferungen, die auf “normale Schwankungen” oder auch “indirekte Folgen des neuen Golfkriegs” zurückzuführen sein mögen.

Ungeachtet der Gründe dafür, ist von Anfang April bis Ende September 2026 aus “Amerika” um 4,6 Mrd. m3 weniger Gas/LNG importiert worden als ein Jahr davor, nämlich 41,4 Mrd. Kubik statt 46 Mrd. m3 in Q2 und Q3 2025..

Zusammen mit der “Golfskriegs-Lücke” ergäben sich durch diese beiden Posten Minderimporte von mehr als 10 Mrd. m3,

die aber von kleineren Zuwächsen aus anderen Quellan teilkompensiert wurden (z.B. Norwegen, Algerien, Russland, sowie nicht näher ausgeführte “andere”)

Unter dem Strich verbleiben in Q2 und Q3 – siehe oben – knapp 5 Mrd. Kubikmeter Minderimporte, die angesichts von Gesamtimporten von 150 Mrd. m3 freilich wenig relevant scheinen.

Kaum Gas-Mehrverbrauch

Leider sind diesem Blogger keine verlässlichen “Inlandsverbrauchsstatistiken” der gesamten EU bekannt,

weswegen hier nicht auf eine einzige “autoritative” kumulierte Zahl verwiesen werden kann.

Etliche Indizien weisen jedoch darauf hin, dass es in der EU-27 in den Frühjahrs-/Sommermonaten 2026 keine oder nur geringfügige Veränderungen in der Binnennachfrage nach Gas gegeben hat:

  • Da ist einmal die Nachfrage durch die größere “Güter erzeugende Wirtschaft” vulgo “Industrie”, die nur  geringen saisonalen Schwankungen unterliegt und die, wenn sie sich überhaupt verändert hat – eher zurückgegangen ist; siehe dazu die Verbrauchs-Charts der “BNA” für einen großen Einzelfall.
  • Zweitens gibt es eine “Verstromung” in Gaskraftwerken, die gegenüber der Vergleichsperiode des Vorjahres um 20 TWh oder etwa 14 Prozent angestiegen ist. Auch das ist in Kubikmetern Gas nicht besonders viel. Ein solcher Mehrverbrauch könnte allein durch den Minderverbrauch der Industrie (über)kompensiert worden sein. Datengrundlage der Gas-Verstromung sind übrigens die “Energy Charts des Fraunhofer ISE”, die die Stromerzeugung in der EU-27 aufschlüsseln (allerdings nur die “öffentliche”)
  • Wie jedes Jahr ist auch heuer im Sommer der Gasverbrauch der Haushalte und Gewerbebetriebe regelrecht implodiert. Wer eine Vorstellung davon haben will, sehe sich diese Grafik der deutschen BNA an.

Fazit

Ebenso wie einen geringfügigen Minderimport mag es im zweiten und dritten Quartal ’26 in der EU einen geringfügigen Mehrverbrauch gegeben haben

- aber nichts “Weltbewegendes”.

Das kann sich in den kommenden Monaten noch ändern:

sowohl auf der Seite der Einfuhren, als auch auf jener des Verbrauchs (z.B. durch einen kalten Winter),

- oder wegen ungünstiger Entwicklungen auf beiden Seiten.

Die Zukunft ist weder hier wie da vorhersagbar.

Klar ist nur, dass die Union heuer aus einer schlechteren Startposition in die “Ausspeichersaison” gegangen ist als vor einem Jahr: Am 3. November 2026 hatte der Füllstand der EU-Speicher lediglich 74,1 Prozent erreicht, fast 9 Prozentpunkte weniger als am 3. November 2025.

- nachdem heuer der Speicher-Zuwachs in den Sommermonaten um 38 TWh oder 3,9 Mrd. m3 geringer ausgefallen war

(trotz einer mysteriösen “Schrumpfung der Speicherlücke” im September siehe hier; im Licht der verringerten Importe seit Anfang April ’26 – das sei hier konzediert -, ist der eben erwähnte langsamere Speicheraufbau in der EU sehr wohl nachvollziehbar).

Klar ist ferner, dass in diesen Wochen die “Ausspeichersaison” begonnen hat, wie an folgendem Screenshot mit seinem “eingeringelten” grün-roten Farbenspiel zu erkennen ist.

EU-Storage_3_11_26_AGSI
GIE-AGSI, Historische Datenbank

Unabhängiger Journalist

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