Migration: The Verschwurbeling of a genuine European Problem

cover_gatrellPeter Gatrell, ein Geschichte-Professor in Manchester, hat ein Buch vorgelegt, das der aktuellen “Flüchtlingskrise” einen historischen Tiefengrund verpassen möchte – und dabei eine ziemliche Themenverfehlung liefert. Er beginnt erst gar nicht vor 1945, weil so ein Vorhaben allzu schnell durchschaut wäre – (Im)Migration gehört nämlich nicht zu Europa (ebensowenig wie der Islam zu Deutschland gehört). Seine Geschichte der “neueren europäischen Migrationen” zeigt eigentlich nur, dass “2015ff” ein ganz anderes Paar Schuhe ist.

Das historische Europa hat nämlich seit der Völkerwanderung keine größeren Migrationsbewegungen aufzuweisen, sieht man z.B. von der Auswanderung in die USA im 19. Jahrhundert ab, wo der “alte Kontinent” Herkunfts- und nicht Zielgebiet war

(und abgesehen natürlich von diversen Vertreibungen in Mittelalter und der frühen Neuzeit, in denen auf fürstliches Betreiben

  • Juden
  • Moriscos
  • oder “konfessionell Unpassende”

verjagt oder – im besseren Fall – “abgetauscht” wurden).

Mit dem Aufkommen von Merkantilismus & Populationistik begannen “westfälischen Staaten” die Steuer zahlende und Soldaten produzierende Bevölkerung nämlich als wertvolle Ressource zu betrachten.

Im westeuropäischen Mittelalter war Migration jedenfalls ein völlig marginales Phänomen aus Künstlern, Studenten und Zigeunern (pardon).

***

Das änderte sich im 20. Jahrhundert, und zwar bereits nach 1918/19 und nicht erst nach 1945, dem Stichjahr, in dem Gatrell seine Darstellung beginnt.

In praktisch allen Fällen hatten Staaten (nicht notwendigerweise Nationalstaaten) einen wesentlichen Anteil daran (der Rest war “Privatinitiative”).

Die wahrscheinlich “größte Wanderungsbewegung” war die Vertreibung von ca. 12 Millionen sogenannten Volksdeutschen aus Osteuropa, der nachmaligen Sowjetunion und dem Balkan

- eine historische Tatsache, deren Erwähnung einem bis heute Stirnrunzeln und gekräuselte Lippen eintragen kann (und ja, natürlich gab es dazu eine “Vorgeschichte” von Vertreibung und Genozid durch Nazis und/oder Deutsche).

Damit verbunden aber nicht identisch war das völkermörderische Treiben Stalins, des famosen Verbündeten der West-Alliierten. Der ließ sozusagen bei jeder Gelegenheit Hunderttausende massakrieren (oder verhungern) und 13 kleinere Ethnien innerhalb der Sowjetunion “umsiedeln”,

abgesehen davon, dass er sich nach 1945 “russische Gebiete zurück holte“, die das untergegangene Zarenreich nach dem Ersten Weltkrieg verloren hatte und dabei Millionen Polen und Balten vertrieb (die sich wieder an den Deutschen schadlos hielten)  und dass in seinem osteuropäischen Einflussbereich weitere Hunderttausende deportiert wurden.

Das alles fand in jenen gewissermaßen sichtgeschützten Regionen statt, die Timothy Snyder “Bloodlands” nennt, also nicht in Westeuropa (Bürgerkrieg und Zerfall Jugoslawiens gehorchte vier Jahrzehnte später übrigens ähnlichen Prinzipien).

Konsequenz des sowjetischen Siegs gegen Hitler-Deutschland war zunächst

  • die Zweiteilung des Kontinents sowie
  • in weiterer Folge Fluchtbewegungen in den Westen, die zwar nach dem Tod Stalins, aber noch zu Lebzeiten der brüderlich helfenden Sowjetunion stattfanden (Ungarn, Tschechoslowakei).

Die Auflösung der UdSSR nach 1991 war zwar auch mit Migration verbunden, aber nur zum kleineren Teil westwärts.

Und natürlich kam es nach der EU-Erweiterung 2004 zu einer einschlägigen Drift osteuropäischer Völker.

Entkolonialisierungs-Wanderungem

Auch in Westeuropa fanden ein paar Migrationsbewegungen statt, wobei die stärksten “Remigrationsbewegungen” waren, bei denen nach der Auflösung der Kolonialreiche europäische Siedler zurück fluteten,

wobei “alte Bundesgenossen” aus den selbstständig gewordenen Staaten oft mitgenommen wurden.

Ein tyisches Beispiel dafür ist die Flucht von etwa einer Million französischstämmiger Pieds-noir aus Algerien, denen etwa 200.000 mehrheitlich arabische & muslimische “Harkis” nachfolgten (diese Population war 1999 übrigens auf ca. 500.000 Menschen angeschwollen).

Anwerbung für boomende Industrie

Und schließlich gab es noch bilaterale Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei, die abgeschlossen wurden,

nachdem Millionen Deutsche nach 1945 erkannt hatten, dass sie in dieser Weltgegend weitgehend vogelfrei waren und auswanderten.

Diese Gastarbeiter haben tatsächlich einen Anteil an den den Boomjahren der späten 1950er und 1960er, in denen Europa, speziell Deutschland, besonders rasch wuchs.

Gatrell, der ein Anhänger der Bereicherungs-These ist, unterstreicht das mehrfach (zu Recht).

Gleichzeitig verschwurbelt er den Beitrag dieser Arbeitskräfte zum “Wirtschaftswunder” aber, indem er den Eindruck erweckt, der Wiederaufbau und das rasante Wachstum der 1950er gingen auf das Konto solcher “Gastarbeiter”.

Wenn, dann war dafür eine andere “Migrationsbewegung” mitverantwortlich – die Vertreibung vieler Millionen Teutonen östlich der Oder-Neiße-Linie, nach der totalen militärischen Niederlage Nazi-Deutschlands.

Unterschiede zu 2015ff

Also: Gatrell schildert staatlich ausgelöste europäische Wanderungsbewegungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und er tut das unter Anlegung fragwürdiger, verzerrter Maßstäbe (historisch-faktisch möglicherweise korrekt – diesem Blogger geht das demographische Spezialwissen ab um das beurteilen zu können).

Der Mann wird aber zum Mythologisierer, sobald er für das Geschilderte eine Kontinuität zu 2015 ff. beansprucht.

Einverstanden – “Migration” fand hier wie da statt, das aber

  • in meist unterschiedlicher Größenordnung
  • mit anderen “Triebfedern” und
  • in völlig unterschiedlichen sozialen, wirtschaftlichen und kultrurellen Kontexten.

Die Migrationskrise 2015 ff., die von gutgesinnten Intellektuellen, Politicos und Journos mit dem Schlagwort “Geflüchtete” versehen wird, war/ist etwas völlig anderes.

Am ähnlichsten ist noch der Exodus der Syrer, die vor einem “Bürgerkrieg” geflohen sind, der eigentlich ein Stellvertreterkrieg staatlicher und quasistaatlicher Akteure war.

Die Wanderung der Afghanen, Eritreer und Westafrikaner findet zwar im “moralischen und argumentativen Schatten” Syriens statt, trägt aber einen anderen Charakter.

Zum einen ist das Motiv der (Im)Migranten ein anderes.

Es geht i.d.R. darum, drückende Lebensverhältnisse in den Herkunftsgebieten gegen bessere Bedingungen in Europa auszutauschen – wobei meist die Jüngsten und Stärksten vorgeschickt werden (sollten) um Quartier für die Mischpoke zu machen.

Zum anderen haben sich gegenüber den frühen Migrationen die Rahmenbedingungen grundlegend geändert:

  • Nicht nur, dass es heute einen aufgeblähten Sozialstaat samt hilfreicher Judikatur gibt -
  • das heutige Geschehen findet auch unter ökonomosch völlig anderen Rahmenbedingungen statt. Statt einer “biophysischen Warenproduktion”, die um jährlich 6 oder 7 Prozent wächst, stagniert die europäische Wirtschaft und benötigt aufgund von Computerisierung und Automatisierung absehbar weniger Arbeitskräfte. Der ERoEI geht seit Jahrzehnten zurück und die industrielle Wertschöpfung soll besser heute als morgen ein Ende finden.

Das Motiv der depravierten Einwanderer und ihrer Familien mag voll nachvollziehbar sein – das ist aber nicht die Perspektive der europäischen Völker, die nach Meinung der europäischen do-gooders gefälligst die Zeche bezahlen sollen.

Und Akademiker wie Gatrell liefern wohl meinende Mythologiegebirge zu um das selbstmörderische Treiben der europäischen “Eliten” zu rationalisieren.

Literatur:

Peter Gatrell, The Unsettling of Europe: The Great Migration, 1945 to the Present.2019

Manuel  Borutta, Jan C. Jansen, Vertriebene and Pieds-Noirs in Postwar Germany and France: Comparative Perspectives.2018

Johannes-Dieter Steinert, Migration and Migration Policy: West Germany and the Recruitment of Foreign Labour, 1945–61. 2014

Philipp Ther, Die Außenseiter: Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa.2017

Unabhängiger Journalist

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