“Auschwitz von Ukrainern befreit” – Polens revisionistischer Weckruf

Grzegorz_Schetyna_2011
Polnischer AM Schetyna: Tabubruch zu “russischem Geschichtsmythos”

Knapp vor den diesjährigen Gedenkfeiern zur Befreiung des KZ Auschwitz ist eine Kontroverse entstanden, die an die Wurzeln des (gesamten !) europäischen Geschichtsverständnisses bzw. seiner Geschichtspolitik rührt. Anlass war die quasi-offizielle polnische Aussage, dass 1945 Ukrainer das Lager befreit hätten. Auch wenn heute vieles vordringlicher scheint – Moskau sollte die Debatte ernst nehmen. Es sollte eine Historikerkommission einberufen und alle noch nicht veröffentlichten Dokumente zur Befreiung von Auschwitz freigeben.

Auslöser der Diskussion waren zwei vereinzelte, scheinbar harmlose Sätze in einem Radiointerview – die hatten es aber in sich. Der neue polnische Außenminister Grzegorz Schetyna hat mit ihnen schon in seinen ersten Amtstagen eine – bisher freilich weitgehend unterirdisch geführte – geschichtspolitische Debatte angestoßen.

Das Ganze spielt sich vor dem Hintergrund der de facto-Ausladung des russischen Präsidenten von den Gedenkfeiern am Dienstag ab. Ende Jänner jährt sich der Auschwitz-Jahrestag zum 70. Mal.

Schetyna hatte am Mittwoch im polnischen Radio u.a. Folgendes gesagt: “Die Erste Ukrainische Front und Ukrainer haben (das Konzentrationslager) befreit. An jenem Jännertag waren ukrainische Soldaten (da), die die Tore des Lagers geöffnet haben.” Kontext war die Journalistenfrage, ob die faktische Ausladung Putins von den Auschwitz-Feiern nicht sozusagen kleinlich sei.

Der Minister legte ein paar Tage später noch einmal nach und sagte: „Der erste Panzer, der das Tor von Auschwitz durchbrochen hat, wurde von dem Ukrainer Igor Gawrilowitsch Pobirtschenko kommandiert.“

Der russische Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete die Aussagen seines Amtskollegen als “blasphemisch und zynisch”. Für Moskau hat die Rote Armee das Lager befreit – Punkt. Die Rote Armee war eine Armee, in der 100 Nationalitäten – und damit auch zahlreiche Ukrainer – gekämpft hatten (in ihrer relativen Mehrheit bestand sie allerdings aus Russen).

Die Stimmen aus der russischen Zivilgesellschaft gaben Larow zu ca. 95 Prozent recht. Es war wirklich ein Tabubruch, den ein polnisches Regierungsmitglied in seiner “antirussischen Hysterie” (russische Sprachregelung) begangen hatte.

Obwohl unsere westeuropäischen Medien (= “Lügenpresse”) so tun, als hätten sie nichts vernommen, ist es unmöglich geworden, das Thema gewissermaßen sang- und klanglos zu beerdigen. Es handelt sich auch bei Auschwitz nicht um irgendein “Detail des Zweiten Weltkriegs”, sondern um ein geschichtspolitisches Thema von kaum zu überschätzenderTragweite – für Russland, aber auch für Westeuropa.

Am Wochenende interpretierte Ryszard Żółtaniecki, Chef der Diplomatischen Akademie in Warschau und früher Botschafter in Griechenland und Zypern die Situation. Der Mann – man könnte ihn als Repräsentanten des “tiefen polnischen Staats” bezeichnen – erläuterte seine Sicht der Dinge in einem Interview mit dem Nachrichtenprogramm Wiadomości. Es findet sich hier.

Żółtaniecki sagte, der Außenminister habe einen unbeabsichtigten Fehler gemacht, weil er die Bedeutung der Frage für den “Gründungsmythos” Russlands nicht erkannt habe.Die Auschwitz-Befreiung durch die Rote Armee sei für die Russen ein Fetisch – auch für das Moskau des Jahres 2015. Die Russen hätten momentan zwar anderes zu tun, würden bei passender Gelegenheit aber darauf zurückkommen.

Besonders interessant an Żółtanieckis Aussagen ist die Verwendung von Begriffen wie Mythos und Fetisch im Zusammenhang mit Auschwitz. Westeuropäische Geschichtsrevisionisten sind schon für weniger ins Gefängnis gewandert.

Mit Spannung darf auf die Argumentation gewartet werden, warum die Befreiung des Lagers durch die Rote Armee ein “Mythos” – Intellektuellen-Speak für “nicht fundierbares Märchen” – ist. Es dürfte nämlich schwer fallen, die offizielle geschichtspolitische Haltung Moskaus in dieser Frage ins Reich der Fabel zu verweisen – zumindest auf einer faktenorientierten Basis.

Aber von mir aus. Alles, was der Wahrheitsfindung dient, ist letztlich gut ! Seriöse Debatten können nie schaden, auch nicht in der Geschichtswissenschaft. Für “Episteme-Optimisten” ist jede auch kontroverse Diskussion die wichtigste Quelle des Wissens. Zumindest in den sciences/Naturwissenschaften gilt und ist völlig unbestritten: “Revisionismus” – das laufende und routinemäßige Infragestellen von bisher als gesichert geltenden Fakten – ist der Motor des Erkenntnisfortschritts.

Was also sollte Moskau meiner unmaßgeblichen Meinung nach also tun ?

Es sollte auf keinen Fall den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Es sollte nicht auf seine eigenen Veteranenverbände hören. Es sollte sich nicht auf den Lorbeeren seiner bisherigen – teils fehlerbehafteten und stets der eigenen Staatsräson verpflichteten – Geschichtspolitik ausruhen. Das ist ein Fehler, den die verblichene Sowjetunion begangen, hat und den der Westen heute wohl noch immer macht.

Das offizielle Moskau sollte sich daran erinnern, dass seine kommunistischen Vorgänger in Auschwitz eine Gedenktafel aufstellen haben lassen, mit der an vier Millionen Opfer erinnert wurde. Heute wird die Opferzahl offiziell mit etwa einem Drittel angegeben.

Auschwitz – das war für die Sowjets zuallererst nützliche Propaganda und hatte kaum etwas mit dem Geschehenen und echter Geschichtswissenschaft zu tun. Derlei würde bei uns im Westen natürlich nie vorkommen ! Es kann gar nicht vorkommen, weil bei uns die Wissenschaft frei ist – nicht wahr !?

Die Russen sollten imho versuchen, die Aussagen Schetynas nicht als Blasphemie, Attacke oder Beleidigung abzutun, sondern als Chance begreifen. Als Chance auf historischen Erkenntnisfortschritt.

Sie sollten sich den von Schetyna angesprochenen aufbrechenden Fragen stellen… Vielleicht waren die ersten Sowjet-Soldaten, die Auschwitz betreten haben, wirklich Ukrainer. Na und ?

Die Russen sollten freilich viel mehr tun als das – und alles, was sie noch an unbekanntem historischen Material zu dem Thema haben, öffentlich zugänglich machen.

Eine ukrainische Armee hat Auschwitz jedenfalls nicht befreit, auch wenn Schetyna einen solchen Eindruck zu erwecken versuchte.

Zur Erinnerung: Schetyna sprach von der “Ersten Ukrainischen Front”.

Das war ein Großverband der Roten Armee, der in etwa einer Heeresgruppe der Wehrmacht entsprach. “Fronten” gab es in der Roten Armee Dutzende. Sie wurden nach dem Großgebiet, in dem sie eingesetzt waren, benannt. 1943/44 gab es zeitweise vier Ukrainische Fronten. Mit der wechselnden Geographie der Kämpfe wechselten auch die Namen der Einheiten.

Einen Eindruck davon liefert der Autor Keith Cumins in seinem 2011 erschienen Buch Cataclysm, in dem er eine Gesamtdarstellung der Ostfront 1941 bis 1945 liefert. Dort steht z.B. auf Seite 182:

renaming_fronts
Abschaffen, neu schaffen,, umgruppieren, umbenennen – die “Fronten” der Roten Armee

Vielleicht sind die osteuropäischen Politiker ja so gut über Militärgeschichte informiert, dass sie selbstverständlich wissen, dass die Erste Ukrainische Front Birkenau als erste erreicht hat.

Ich würde keine Wette darauf abschließen.

Es ist wahrscheinlicher, dass die Antwort von einem Spin-Doktor eigens für den politischen Zweck zusammengekocht und von Schetyna in Täuschungsabsicht gegeben wurde – nämlich in der Absicht zu suggerieren, dass die Armee eines ukrainischen Nationalstaats Auschwitz befreit habe. Das sorgfältige Wording der Interview-Aussage weist darauf hin.

Trifft diese Vermutung zu,  muss man neidlos anerkennen: Der erst seit wenigen Tagen im Amt befindliche polnische Außenminister hat es schon jetzt geschafft,  die höchsten Lügen-Standards seiner westeuropäischen Kollegen zu erreichen. Es erfordert wirklich eine gewisse “Meisterschaft”, einen falschen Eindruck zu erwecken ohne dabei handfest die Unwahrheit zu sagen.

Foto: Ja Fryta from Strzegom, Wikimedia Commons

Unabhängiger Journalist

Comments are closed, but trackbacks and pingbacks are open.