Metamorphosen d. Cyber-Diktatur

cover_resizedDer mit verschiedenen Staaten koordinierte Griff nach der Macht durch große Digitalkonzerne wird in zwei ähnlichen, doch gegensätzlichen Lektüren analysiert. Für Michael Rectenwald, einen vom Glauben abgefallenen Ex-Trotzkisten, gemahnt die kommende Cyber-Diktatur an Stalins Archipel Gulag und für Cédric Durand, einen quasi-marxistischen Sorbonne-Professorcover_durand_resized, ist das für ihn sich abzeichnende System so neoliberal-libertär, dass es sich gerade in einen technologisch fortgeschrittenen, aber  brutalen und “retrograden” Neo-Feudalismus verwandelt.

Vorbemerkung: Dieser Blogger hat, inspiriert durch einen Vortrag Rectenwalds, dessen Google Archipelago fast völlig & relativ genau gelesen und wollte ihn (sie, es?) eigentlich normal besprechen.

Erst in sozusagen letzter Minute hat er vom kürzlich erschienenen Techno-Féodalisme erfahren, was seine Pläne über den Haufen geworfen hat.

Ich habe daraufhin den Text Durands “auf die G’schwinde” quergelesen.

“Archipel Google”

Rectenwald beginnt mit den Phänomenen des (im Sinn der heutigen Kritischen Theorie) Aufgewachten Kapitalismus (“woke capitalism”),

sowie den “bei Big Digital” durch die Bank linksgerichteten Unternehmenskulturen (“corporate leftism”), die im “Google-Marxismus” der großen Digital-Monopole ins Totalitäre mutieren.

Dabei gibt sich Rectenwald als

  • “Digitalista”, Schriftgelehrter des neuesten Digtital-Wissens zu erkennen (“Bin kein Maschinenstürmer”),
  • offenbart aber auch ein – auf den ersten Blick – erstaunliches Informationsniveau über die Sowjetunion und die Debatten diverser Kommunistischer Internationaler während der vergangenen Jahrzehnte,
  • wobei er sich des schnieken Jargons der Postmoderne bedient, einer Sprache, die dieser Blogger nur gebrochen spricht. Wie es aussieht, ist R. aktuell zu den noch nicht autoritären Wurzeln der heutigen “Theorie”, insbesonders Foucault zurück gekehrt.

Von Letzterem borgt er auch das Konzept der gouvernementalité, das er für die (überblickbare) Gegenwart erstaunlich fruchtbar macht.

Einfach ausgedrückt, geht es dabei um die Arbeitsteilung von regulär staatlichen, oft “demokratischen” Regierungsstrukturen, mit quasistaatlicher, “undemokratischer” Machtausübung von “Big Digital”,

das – weil “privat” – tun darf, wozu “demokratische Politicos nicht befugt sind”

(zumindest bis zum “Ausbruch” der aktuellen Pseudo-Seuche).

“Die Tyrannei wird outgesourçt”, wird hier formuliert.

In Europa ist die Meinungsfreiheit ohnedies schon seit Jahrzehnten sehr relativ,

aber in den “USA des Ersten Amendments” (das nur den Staat verpflichtet) können auf diese Weise Äußerungen und die dazu gehörigen Akteure zum Verschwinden gebracht werden

- beginnend beim zunächst harmlos erscheinenden Entzug von Anzeigenerlösen (“nicht für Werbekundschaft geeignet”).

Lechts und rinks

Im Lauf der Zeit ist ein Fächer von weiteren Techniken der privaten Zensur dazu gekommen, üblicherweise unter opaken und Ehrfurcht gebietenden Bezeichnungen wie deplatforming, shadow banning oder (account) cancelling (je nach “Medium”).

Das passiert meist öffentlich & ungeniert, weil (überwiegend) nicht illegal

- z.B. unter den Mottos der Kämpfe gegen ‘Fake News’, ‘Verschwörungstheoriker’, gegen die ‘Verweigerung von Wissenschaft’ oder einfach ‘russische Bots’”

(all das scheint die bei umliebsamen Politikern selektiv angebrachten “Disclaimer” zu rechtfertigen, oder das Verschwindenlassen vorgeblich nicht legitimer Akteure).

Ebenso offen(sichtlich) ist die Komplizenschaft unserer sich demokratisch nennenden Politicos mit “Big Digital” geworden, seien es Treffen von Spitzenpolitiker(innen) mit Digital-Honchos oder

deren beredtes Schweigen zu den üblen Praktiken von Big Digital,

die umgehend “politische Reden” und “behördliches Handeln” auslösen würden, handelte es sich bloß um Bier oder Zement und nicht um eine  “nicht genehme freie Rede”.

Der “Unternehmens-Leftismus”, meint Rectenwald, wird einereits zur Liebedienerei gegenüber der potenziellen Kundschaft jugendlicher und junger woksters benutzt, eine Werbe- und Marketingstrategie, die der “Umsatzoptimierung” dient.

Das allein würde jedoch nicht ausreichen, entspräche diese Ideologie nicht den “regulatorischen Grundbedüfnissen” global agierender,

aber den Wettbewerb scheuender mega corporations, beispielsweise in Sachen Freizügigkeit (z.B.von Schlüsselarbeitskräften) oder durch die Zerstörung althergebrachter “Ontologien” beispielsweise zu Nation und Familie.

In letzter Konsequenz würde das weltweit agierende kapitalistische Unternehmen von einem globalisierten Gewaltmonopol mit einheitlichen Regeln profitieren und daher für den Internationalismus werben, der auch als ‘global government’ und ‘one worldism’ bekannt ist (…) Daher ist (eine) Politik, die sich am besten mit den weltweiten globalen Interessen monpolistischer Unternehmen verträgt, eine linksgerichtete Politik.”

“Links” und (spezielle Formen von) “kapitalistisch” haben einander schon in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts nicht ausgeschlossen,

als US-amerikanische (Finanz?)Kapitalisten dem jungen (bzw. noch gar nicht geborenen) Sowjetstaat zu Hilfe eilten und dafür “exklusive Zugänge” eingeräumt bekamen.

Rectenwald unterscheidet dabei nicht zwischen dem Sowjetstaat Lenins (inklusive Trotzki) und jenem Stalins, für den “Archipel Gulag” ja zum Synonym geworden ist,

wobei der Autor auf Recherchen von Anthony Sutton und Richard Spence verweist (“Wall Street and the Boshevik Revolution”, “Wall Street and the Russian Revolution 1905 – 1925″).

Der historische Archipel Gulag mit seinen horrenden körperlichen Bestrafungen ist für ihn aber eine bloße Analogie für die unbeschränkte Macht der Regierenden,

einen Totalitarismus, der in letzter Konsequenz frei von Ideologie ist.

Einzig die Macht zählt.

Offen lässt Rectenwald, wer nach der erwarteten Verschmelzung der Strukturen aus Politik und Digital-Kapital “die Hosen anhaben wird”: die Legitimität einbringenden Politicos oder die smarten privaten Monopole.

Unbeantwortbar auch die Frage, ob sich “am Ende des Tages” Big Digital aus Kalifornien oder aus China durchsetzt.

Wie das mehrfach erwähnte Beispiel des australischen Darwin zeigt, können Politicos bei ihren technologischen Entscheidungen auch schon mal auf intelligente Repressionstechnologie aus China setzen.

Rectenwalds Archipel Google und dessen lernende Algorithmen werde wohl ohne Züchtigungen oder Vernichtung durch Arbeit (auch hier, in der SU) auskommen,

dieser sei aber umfassender und effektiver als dessen historisches Pendant, meint er

(dass “Dissidenten” zu Unpersonen erklärt, aus dem Blickfeld gerückt werden oder gar völlig verschwinden, kann man ja schon heute erkennen).

Der originale Gulag unterscheide sich vom künftigen digitalen jedenfalls wie die in “Überwachen und Strafen” geschilderte grausame Exekution eines “Möchtegern-Königsmörders” vom modernen Strafvollzug (bzw. vom “Panoptikum” eines von dessen frühen Verfechtern).

Digitaler Feudalismus

Zu einem ähnlichen Thema äußert sich der Pariser Wirtschaftsprofessor Cédric Durand in Techno-féodalisme. Critique de l’économie numérique.

Durand gilt als unkonventioneller Marxist und ist zweifellos der “gauchistischen Doxa” zuzurechnen,

einer hegemonialen Supermacht im akademischen Betrieb

(die Frage, ob Durand “echter Marxist” oder nur ein Quasi ist, sei eine der “Marxologie”, mit der er sich nimmer beschäftigen wolle, würde Rectenwald spotten).

Durands zentrale These ist, dass die “digitalen Produktivkräfte” in Widerspruch mit der kapitalistischen Produktionsweise gerieten,

dass das Resultat dieses Konflikts aber nicht der Sozialismus, sondern “ein Rückfall in einen Feudalismus im virtuellen Raum” ist.

Klingt marxoid und ist gleichzeitig so extrem unerwartet, dass es fast schon wieder originell ist.

Die Frage ist bloß, ob derlei mehr ist als propagandistisch motiviertes Blabla,

und was zum Henker Durand eigentlich unter Feudalismus versteht.

Der originale Feudalismus war dezentral, von physischer Drohgewalt eines regionalen Gewaltmonopolisten sowie durch direkte Abhängigkeit bis hin zur Leibeigenschaft bestimmt,

sowie – da liegt D. richtig – vielfach durch “Viktimisierung nach Raubtierart” (prédation) statt durch “nachhaltigere kapitalistische Ausbeutung”.

Bloß – was hat das mit “Big Digital”, wie wir es heute kennen zu tun?

Durand nimmt an, dass digitale Plattformen deren Eigentümern zu einem leistungslosen Einkommen verhelfen (wie den historischen Lehensherren/Eigentümern),

das für deren Luxuskonsum verprasst wird und nicht für die Akkumulation von Kapital zur Verfügung steht.

Im Gegensatz zum Kapitalismus sei (auch) der (digitale) Feudalismus nicht produktivivtätsorientiert, denn imVordergrund stehe die nicht produktive “Rente”.

Wachstumsorientierte Investitionen und mehr Spezialisierung/Effizienz durch Arbeitsteilung würden gar nicht mehr angestrebt.

Während so ein Verhalten pro futuro nicht auszuschließen ist (z.B. wenn der Wettbewerb politisch vorbedacht ausgeschaltet wird oder – jawohl – post peak oil ),

entspricht die beschriebene Mentalität heute weder dem aktuellen Selbstbild von Big Digital noch haben dessen Dienste deswegen ihre Attraktivität oder den Nimbus der Unverzichtbarkeit erlangt – ganz im Gegenteil.

Auch der von Durand behauptete ähnliche Charakter von Eigentum an Grund und Boden, “extraktivistischer Industrie” und sg, Finanzsektor ist ziemlich problematisch.

Wie viele seiner technomanen bürgerlichen Kollegen scheint der gute Mann über der spekulativen Antizipation künftiger Verhältnisse die tiviale Gegenwart zu vergessen

- in der der zenrale Begriff noch immer “biophysikalische Produktion” lautet.

Das wird wohl so bleiben so lange Menschen essen & trinken und “Hygiene” & Raumwärme benötigen (selbst unbelebte Maschinen kommen ohne Primärenergie oder wenigstens Elektrizität nicht aus).

***

Sollte es tatsächlich zu einem solchen Rückschlag in vor(industrie)kapitalistische Zeiten kommen, wird Big Digital nicht zwangsläufig die Schuld tragen

- der wahrscheinlichere Auslöser wäre da schon ein Versiegen dichter Brennstoffe.

Für diesen Fall gilt, womit dieser Blogger schon seine Kotkin-Besprechung geschlossen hat:

Freilich gibt es ein Szenario, in dem tatsächlich besser von Feudalismus die Rede wäre – wenn die Veränderungen nämlich unter Umständen energetischer Knappheit stattfinden (wie im wirklichen Mittelalter) – und ‘feudale Gewaltmonopolisten’ den Zugang zu Elektrizität kontrollieren.”

Aber “dieses Fass” will Durand nicht aufmachen (und Rectenwald auch nicht).

Michael Rectenwald, Google Archipelago: The Digital Gulag and the Simulation of Freedom. 2019

Cédric Durand, Techno-féodalisme – Critique de l’économie numérique. 2020

Unabhängiger Journalist

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