“Nullzinsfalle”: Von den betörenden Verlockungen des Kredits

Nullzinsfalle_CoverDrei Autoren, die zufällig tatsächlich Österreicher sind, haben soeben einen Text über ein von den Zentralbanken verabreichtes Opiat veröffentlicht, der unter Garantie weniger Publizität bekommen wird als das zeitgleich erschienene Haltungs-Buch von Reinhold “Django” Mitterlehner.  Eine unverlangte Buchbesprechung.

“Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln soll eine Wiederholung der Geschehnisse in den 1930er-Jahren verhindert werden. Denn die nach dem Börsenkrach von 1929 um sich greifende Banken- und Wirtschaftskrise in einem deflationären Umfeld mit stark steigender Arbeitslosigkeit gilt unter Ökonomen noch immer als das größte aller Übel. Um dieses zu verhindern, sind alle Mittel recht. Dadurch wurden aber nur neue strukturelle Probleme geschaffen, die durch die Geldpolitik selbst schwerlich gelöst werden können. Eines dieser neuen Probleme sind die Null- bzw. Negativzinsen. Es ist daher unsere Auffassung, dass das Geldsystem in eine Falle getappt ist: in die Nullzinsfalle.”

Das erste Kapitel der soeben erschienenen Nullzinsfalle behandelt die Entwicklungen seit 2007, als die vorerst letzte Finanzkrise begann – die offiziellen & offiziösen Stabilisierungsversuche, die in der Hauptsache darin bestanden, die Geldschleusen zu öffnen – über die bisher rein kreditinstitutlichen Kanäle für Zentralbankgeld

- was bei Fed, EZB & BoJ durch Zinssenkungen/Niedrigzins und nicht-konventionelle geldpolitische Maßnahmen (“quantitative easing”) erfolgte.

Das war insofern erfolgreich, als das System vorerst überlebte.

Das hat bis heute aber jede Menge nicht beabsichtigter Folgen.

Eine davon ist – und das ist eine Hauptthese des hier besprochenen Buchs – dass es aus der heutigen Situtation (in Sinn der Autoren) nur einen gangbaren Ausweg gibt.

Von einer sinnvollen Geldreform abgesehen, gebe es nur noch die Flucht nach vorn mit noch mehr Verschuldung, Stagflation und verdeckter Enteignung.

Der ultralockeren Geldpolitik der Jahre 2008 ff. gelang das Wiederankurbeln der realen Konjunktur nach dem Muster der vergangenen Jahrzehnte nicht mehr.

Statt dessen wurde eine Alles-Blase befeuert, in der die Werte (fast) aller Vermögensklassen durch die Decke gingen – Aktien, Anleihen und Immobilien.

Die Kreditnehmer – speziell die Staaten – profitierten, die Gläubiger – allen voran die legendären “Sparbuchbesitzer” – zahlten die Zeche (“finanzielle Repression”, negative Realzinsen” etc.).

Der Grad der Verschuldung legte trotz der neuen Mini-Zinsen zu.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, ob der Euro durch die Nullzinsen gerettet wurde und wie die  Gemeinschaftswährung im Vergleich zum Dollar heute dasteht.

Noch einmal wird zusammenfassend an die südländische Euro-Blase der ersten Jahre erinnert, die ja eine Entwicklung sui generis darstellt – einen “Konstruktionsfehler”, der womöglich absichtlich eingebaut wurde um die Verstaatlichung des seltsamen Konglomerats zu erzwingen (Achtung, private Verschwörungstheorie!     :mrgreen:     )

Die EZB hat, wie bekannt, erst spät mit der Gelddruckerei mithilfe eigener Lockerungsübungen angefangen, ist aber schon früh in die radikalen Zinssenkungen eingestiegen – erst 2016 erreichte der Leitzins formal die Nullmarke.

Dort verharrt man bis heute – während die Amerikaner seit 2015 auf mittlerweile wieder 2,25 bis 2,5 Prozent hochgekraxelt sind.

Das ist nicht viel, vor allem weil die Powell-Fed inzwischen weitere Schritte auf Eis gelegt hat, dennoch:

“Unter den Blinden ist der Einäugige König”.

“Der Euroraum steht hingegen mit leeren geldpolitischen Händen da. Angesichts der ersten Anzeichen einer Abkühlung der wirtschaftlichen Dynamik ist der Euroraum gefangen in der Nullzinsfalle. Weder wurden die Zinsen erhöht, noch wurde das enorme Volumen an Anleihen, das im Zuge der unkonventionellen Maßnahmen angekauft wurde, abgebaut.”

Wirtschaftsliberale Zivilisationskritik

Soweit ein kurzes nachkrisliches Vademecum der vergangenen zwölf Jahre, das (angeblich) sowieso alle kennen.

Gerüchten zufolge haben das Ökonom Hochreiter und Fondsmanager Stöferle geschrieben, die sich auf den Finanzmarkt konzentriert haben.

Das trifft auf die nächsten 60 Seiten nicht mehr zu, die aus der Feder von Taghizadegan stammen dürften.

Diese Passage über die gesellschaftlichen Folgen des Nullzinses ist von den ersten 50 und den letzten 40 Seiten “eingerahmt”.

Auch wenn Rahim T. es nicht gerne hört – es handelt sich um eine Gesellschafts- und Zivilisationskritik, die sich an neomarxistische und grüne Gegenstücke aus der sozialistischen Gedankenwelt annähert.

Vielleicht geht es auch nur um eine alternative Theoretisierung; eine auf der Basis von lupenrein marktwirtschaftlicher Kapitaltheorie & Praxeologie der Österreichischen Schule.

Der Nullzins, sagt der Autor, bedeutet gesellschaftlich

höhere Kurzfristigkeit geringere Kapitalbildung und damit geringeren materiellen Wohlstand”.

Solch Konsum stelle “den Kapitalismus auf den Kopf” indem er zum Vorkonsum werde, einem Verbrauch ohne zu sparen, noch vor der Produktion.

Das münde unter den gegebenen Umständen oft in einen “Nullzins-Konsumismus” – den schnellen Kick durch Affekt- und einen ostentativen Geltungskonsum, zulasten des künftigen (“vernünftigen”?) Verbrauchs.

Im Nullzinsumfeld erscheint die Zukunft materiell der Gegenwart gleichwertig: die Opportunitätskosten gegenwärtigen Konsums verschwinden.”

Nullzins, ein nicht marktwirtschaftliches, monetär-zentralplanerisches Phänomen, begünstige eine hohe Zeitpräferenz, die per se ja noch nichts Verwerrfliches sei.

Er bedeutet eine

Quersubvention der Gegenwart auf Kosten der Zukunft”.

Das Leben mit hoher Zeitpräferenz verstellt oft die Sicht darauf, dass Verzicht der Preis ist, der für Konsum letztlich entrichtet werden muss (“nur eben jetzt noch nicht”).

Kredit und Kurzfristigkeits-Fetischismus begünstigen das Mitläufertum, den schon heute epidemisch auftretenden Narzissmus und führen zu Infantilisierung, in neue Süchte oder gar in die Kriminalität.

Bemerkenswert auch die ätzende Kritik am realen Universitätsbetrieb, den der Autor offenbar gut kennt:

Kurzfristigkeit, verbunden mit dem Erfolgsdruck, führt dazu, dass Studenten kaum noch inhaltliches Interesse in Vorlesungen zeigen. Die häufigste Frage, die man von ihnen zu hören bekommt, lautet: Kommt das zur Prüfung?”

“Da der Abschluss immer mehr jungen Leuten offensteht, sind oberhalb der Grundmotivation, sich durch die Prüfungen zu quälen, Kompetenz- und Fleißunterschiede zunehmend irrelevant. Das schlägt sich in einer lockeren Studentenkultur nieder, in der Konsum besonders wichtig ist.”

“Die Evaluierung der Vortragenden durch die Studenten ist mittlerweile relevanter als die Evaluierung der Studenten durch die Vortragenden (…)  Der Trend geht in Richtung von abhängigen Jungakademikern, die von Projekt zu Projekt hechten und möglichst nicht viel Zeit an einem Ort verbringen sollen. Strenges Prüfen können sich nur noch ältere Professoren leisten, und diese werden dann gerne durch politische Korrektheit aus dem Weg geräumt.”

Vermögensaufbau auf dem Weg in die Knechtschaft

Das vierte Kapitel widmet sich dem Vermögensaufbau trotz Nullzinsfalle.

Es trägt die Handschrift des heutigen Incrementum-Managers und früheren Erste-Goldbullen Ronald Stöferle.

Der Autor des noch heute jährlich erscheinenden Goldreports widmet sich auch an dieser Stelle dem Edelmetall und anderen “inflationssensitiven Anlagen” sowie z.B. dem permanenten Portfolio, einem Ansatz für die ärmeren Anleger unterhalb der Schwellenwerts von private banking (“zwei Kisten oder so”).

Das fünfte Kapitel schließlich frägt nach den Wegen aus der Nullzinsfalle und der von den Autoren präferierte Pfad, der Umbau des Geldsystems, wird als wenig wahrscheinlich eingestuft.

In Frage komme derlei überhaupt erst im Zusammenhang mit einer unmittelbar existenzbedrohenden Krise.

Bis dahin muss man sich wohl auf die bewährten Rezepte einstellen, das “alte Lied der Inflation” (nicht zwingend Verbraucherpreise, in der Tonart der Austrians) und auf die finanzielle Repression, die das Polit-Gesindel – Politicos und Politikmacher – ja schon längst einsetzt.

Pro futuro sind noch Bargeldverbot und Helikoptergeld in den Karten und so gesehen ist es nicht richtig, dass es keinen anderen Weg gibt.

Es scheint nur keinen anderen mit “bürgerlicher Freiheit” und Privateigentum vereinbaren Weg nach vorne zu geben.

An Wegen mit Kriminalisierung von Dissens, staatlicher Bespitzelung, schleichender Enteignung und noch offeneren Formen der Tyrannei herrscht offensichtlich kein Mangel.

Dagegen helfen auch keine Sonderziehungsrechte und keine angeblich anonymen Crypto-Coins, im Gegenteil – aber das wissen die Autoren eh.

Sie haben das unbestimmte Gefühl, dass unsere heutige Kapitalismus-Karikatur nach dem Scheitern des laufenden Experiments das Imitierte diskreditieren und als offener Geld-Sozialismus wieder auferstehen wird.

Unsere Nullzins-Autoren wissen, dass wir

mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit (…) in den kommenden Jahren erhebliche Verwerfungen durchleben (werden), die eventuell sogar einen Systemwechsel nach sich ziehen werden.”

Wie der Kassanda hört ihnen halt niemand zu.

Anders als die trojanische Königstochter sind sie aber nicht mit der Gabe der Weissagung ausgestattet,  sondern nur mit der Punkte zu verbinden und vordefinierte Flächen zu kolorieren wie in Malen nach Zahlen (sagt dieser Blogger).

Ronald Stöferle, Rahim Taghizadegan, Gregor Hochreiter, Die Nullzinsfalle: Wie die Wirtschaft zombifiziert und die Gesellschaft gespalten wird. 2019, erhältlich u.a. hier.

Unabhängiger Journalist

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