Saudi Aramco: Wer jetzt privatisiert, will so billig wie möglich verkaufen

Saudiarabien bereitet die (Teil)privatisierung des staatlichen Ölmonopolisten Aramco vor und hat sich dafür das schlechtestmögliche Zeitfenster ausgesucht – eine Periode konkurrenzlos niedriger Ölpreise. Das vor ein paar Tagen bekannt gewordene Privatisierungsvorhaben wird noch dubioser, wenn man sich ins Bewusstsein ruft, dass das Marktverhalten Riads ein wesentlicher Grund für den voranschreitenden Preisrückgang ist. Was bezweckt das Haus Saud mit seiner Initiative? Nichts von dem, was als Motiv angeführt wird, hält einer einer genaueren Betrachtung stand.

Das, was in der Öffentlichkeit über das Vorhaben wirklich bekannt ist, geht auf Original-Aussagen zweiter Insider zurück.

Da ist einmal auf ein Interview des stellvertretenden Kronprinzen Muhammad bin Salman im Economist, siehe hier. Zweitens gibt es ein Gespräch, das Aramco-Chairman Khalid al-Falih mit dem Wallstreet Journal geführt hat.

Die dabei gefallenen Absichtserklärungen sind ernst zu nehmen, obwohl manches taktisch motiviert und anderes wider besseres Wissen behauptet oder glatt erlogen sein mag.

Es scheint tatsächlich so zu sein, dass Riad einen nicht genannten “angemessenen Teil” seiner National Oil Company an Investoren verkaufen möchte, also der Muttergesellschaft inklusive aller ihrer downstream-Beteiligungen und eben auch der Ölproduktion bzw. der Reserven.

Speziell nach dem WSJ-Interview ist klar, dass es dabei nicht – jedenfalls nicht primär – um den spin off von Verarbeitungsbetrieben geht.

512px-Khalid_A._Al_Falih_-_World_Economic_Forum_Annual_Meeting_2012
Khalid al-Falih, 2012

Ein solches Vorhaben wäre am angemessensten, wenn es tatsächlich darum ginge, Geld aufzustellen, um der Ebbe in den Staatskassen entgegenzuwirken. Die Raffinerien zum Beispiel verdienen gerade wegen der niedrigen Rohstoff-/Einkaufspreise derzeit gut (und wahrscheinlich ist das auch in der Petrochemie der Fall).

Aus der Perspektive einer Kosten-Nutzen-Rechnung bzw. von Erlösmaximierung müsste ein solches Vorgehen bei weitem vorzuziehen sein. Es würde auch nicht die Transparenzprobleme erzeugen, die ein Listing von Saudi Aramco mit sich bringen muss. Nach Aussage Khalid al-Falihs ist das wegen der bereits bestehenden Verflechtungen aber juristisch komplex und langwierig, weil die Zustimmung der jeweiligen Partner eingeholt werden muss.

Scheinbar einfacher ist dagegen der Verkauf von Anteilen der Aramco – aber eben nur scheinbar.

Denn um solches zu bewerkstelligen, müssten die Saudis die Geheimniskrämerei ablegen, die für sie so typisch geworden ist.

Theoretisch müssen sie für einen solchen Deal nicht nur die Geschäftsbücher öffnen, sondern auch unabhängige Geologen über die 260 Milliarden Barrel proved reserves lassen, über die Aramco angeblich verfügt. Das ist – theoretisch und wenn Börsen in London oder New York beteiligt sind – die Voraussetzung dafür, Ölproduktion und -reserven an ein “internationales Anlegerpublikum” zu verkaufen.

Spätestens jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem der Ausgangspunkt, die ursprüngliche story von Economist und WSJ, unglaubwürdig wird.

Um die Absurdität eines solchen Vorgehens entsprechend zu würdigen, muss einem klar sein, dass zahlreiche Widersprüche und tiefe Geheimnisse die saudischen Ölfelder, speziell das Super-Riesenfeld Ghawar umranken. Ghawar ist seit den 1970ern in Produktion und soll noch heute 5 Millionen Barrel pro Tag – die Hälfte des saudischen outputs - liefern.

Mit Ghawar steht und fällt die weltwirtschaftliche Rolle, die Saudiarabien seit 40 Jahren einnimmt – dies und viel mehr. Sollte dieses natürliche Weltwunder aus welchen Gründen immer zu produzieren aufhören, ist wirklich crunch time.

Vor zehn Jahren hat ein mittlerweile verstorbener US-Investmentbanker gemutmaßt, dass sich das Feld knapp vor dem produktionsmäßigen Absturz befindet und ein ganzes Buch darüber geschrieben.

Es heißt Twlight in the Desert und das dort vorgelegte Material ist alles andere als haltlose Spekulation. Viel ist, zugegeben, Spekulation – aber eine auf dem Niveau von dreißig Jahren Berufserfahrung.

Aus heutiger Perspektive scheint Matt Simmons mit der Prophezeiung, Ghawar beginne demnächst zu sterben, Unrecht gehabt zu haben – aber das lässt sich nicht mit Gewissheit sagen.

Sicher ist nur, dass die Saudis in den vergangenen zehn Jahren keinen Absturz der Ölproduktion erlebt haben. Wie sie das gemacht haben und was es sie gekostet hat, steht auf einem anderen Blatt. Man darf getrost davon ausgehen, dass dabei jede Menge High Tech eingesetzt wurde und dass die Kosten sehr hoch waren.

Das ist ein Hauptgrund, warum sich das Verhalten der Saudis in der gegenwärtigen Preiskrise von ihrem Handeln in den 1980ern unterscheidet und warum ihr heutiges Agieren so irrational anmutet.

Riad müsste – von allen anderen Erwägungen abgesehen – versuchen, diese hohen Investitionskosten wieder hereinzuspielen, die Aufwände, die entstanden sind um die Produktion stabil zu halten. Diese Investitionen reichen von der sogenannten Enhanced Oil Recovery (EOR) bis hin zur Entwicklung/Renovierung neuer oder eingemotteter Felder (Khurais, Manifa).

Das tun die Saudis aber nicht. Aus angeblicher Sorge um ihren Marktanteil verhindern sie eine sozusagen natürliche Reaktion des Produzentenkartells OPEC (“production cuts” wie zuletzt 2009).

Statt zu versuchen den Ölpreis zu stabilisieren/zum Steigen zu bringen, will Riad Produktion/Reserven zum schlechtestmöglichen Zeitpunkt verkaufen – für acht bis zehn Dollar pro Barrel Reserven im Boden, wie dies vom FT-Koluministen Alan Livsey überschlagen wurde, siehe hier.

Das ist absurd – genauso absurd wie die Schlagworte, mit denen die Führung des Königreichs dieses Vorhaben begründet: Modernisierung, Effizienz & Kampf gegen die Korruption.

Foto:World Economic Forum from Cologny, Switzerland, Wikimedia Commons , CC BY-SA 2.0

Unabhängiger Journalist

Comments are closed, but trackbacks and pingbacks are open.