Von Zivilisationen & Mauern

Walls_CoverDavid Frye, der sich in jungen Jahren Archäologen-Sporen bei Ausgrabungen am Hadrianswall verdient hat, hat sowas wie eine globale Kulturgeschichte der Mauer verfasst, die sich von den posaunengefährdeten Befestigungen Jerichos bis zu Trumps geplanter “beautiful wall” an der US-Südgrenze erstreckt. Die Lektüre ist ziemlich lehrreich – und nicht selten höchst überraschend und amüsant.

Letzteres, wenn der Autor an Ovid erinnert, der, über-50-jährig, wegen schlüpfriger Verse aus Rom verbannt wurde, in eine Kleinstadt am Schwarzen Meer, wo die Bauern bewaffnet zum Pflügen gingen und die Hirten zum Schafehüten Helme aufsetzten.

Und wie sich diese ebenso feinsinnige wie ältliche Großstadtpflanze beim Bewachen der Befestigungen von Tomis nützlich machen musste – was ihr “schwer auf den Keks ging” (vielleicht ist das alles auch nur erfunden, von Frye oder Ovid selbst).

Frye, heute Uni-Historiker in Connecticut, beginnt seine Reise durch die Jahrtausende bei den ersten Stadtkulturen in Mesopotamien.

Der Höhepunkt seines Buchs ist wohl das Kapitel über das (erste) Große Zeitalter der Mauern, das er von Alexander dem Großen bis zu den Erbauern und Verteidigern der Chinesischen Mauer ansetzt, beide Roms natürlich inklusive.

Der Fall von Byzanz nach erbarmungslosem Bombardement durch die Osmanen fungiert bereits als erstes Kapitel zum Teil “Die Welt im Übergang”.

Zwar gab es später z.B. in NW-Europa noch Fälle. in denen sich gewissermaßen zivilierte Engländer gegen keltische Stämme außerhalb der Pallisade (“beyond the pale”) verschanzten;

aber klar wird zunehmend: Schießpulver und Artilleriewesen haben im Spätmittelalter eine neue Ära eingeleitet, in der die bisherige militärische & zivile Schutzfunktion der Mauer obsolet war – die Maginot-Linie hat das im Zweiten Weltkrieg letztgültig unter Beweis gestellt.

Mauern wie die in Berlin dienten in der Zeit des Kalten Kriegs ganz anderen Zwecken (nämlich die Leute dran zu hindern “rüberzumachen”).

Weltweite Renaissance der Grenzmauern

Umso überraschender war der Beginn des “Zweiten Zeitalters der Mauer” im 21. Jahrhundert. Die neuen Mauern, schreibt Frye, waren oft eher Hi Tech-Zäune und wurden primär errichtet um unerwünschte Migration zu unterbinden.

Mit wenigen Ausnahmen (z.B. Israels Westbank-Mauer) wurden sie in den Medien der industrialisierten Welt zunächst kaum wahrgenommen.

Generell, sagt Frye, habe der neue alte Trend im Nahen Osten begonnen, der inzwischen einer einzigen “Honigwabe aus Zäunen und Mauern” gleiche

- besonders früh und aufwändig in Saudiarabien und Israel.

Aber auch andere Weltgegenden hätten nachgezogen – Nordafrika und vor allem Indien, mitunter mit Unterstützung der Obama-Administration.

For the past fifteen years, India  has rivaled Saudi Arabia and Israel as a consumer of razor wire. Indias fences goggle up thousands of miles of often spectacular terrain, occasionally bisecting regions whose traditional identities predate their modern ‘nationalities’”

Die Mauern in Nahost und Afrika hätten zum Anwachsen des Migrationsdrucks auf die Europäische Union geführt, zunächst über die weiche Flanke von armen Staaten im Südosten;

in dem Ausmaß, in dem diese Nationen dann doch Barrieren errichtet hätten, seien binnen kürzester Zeit jedoch Umgehungs- und Alternativrouten entstanden.

Erst die sogenannte Flüchtlingswelle des Jahres 2015 in Europa sowie der US-amerikanische Wahlkampf 2016 habe die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die weltweite Renaissance von Grenzmauerm (oder von deren funktionellen Aquivalenten) gelenkt.

In den USA sei das Bestreben die Südgrenze abzudichten lange Zeit gemeinsames Anliegen von Republikanern und Demokraten gewesen – zumindest verbal – und jene Gruppe, die am offensivsten für open borders eingetreten sei, seien die großen Unternehmen gewesen.

Die Grünen seien aus naturschützerischen Erwägungen eher gegen massenhafte Immigration gewesen.

Das habe sich erst mit der Kandidatur Trumps geändert, die viele Bürger aufgerüttelt und sie polarisiert habe.

Ironischerweise sei Trump in Sachen Südgrenze ursprünglich indifferent gewesen und erst auf das Thema so richtig aufgesprungen, als er gemerkt habe. wie sehr es die Leute beschäftige.

Das habe wiederum zu einer politisch-moralischen Gegenbewegung unter den Trump-Feinden geführt.

Nach dem Ende des Kommunismus habe sich jedenfalls die Mauer,

the former symbol of Communist oppression (…) seamlessly morphed into a bogeyman for a new age. To a new generation, largely sympathetic to the ideology that had brought about such abject misery to those living behind the Wall, Communism was no longer the great evil. The Wall itself was.”

Eigentlich, sagt Frye, vertrage sich die Ablehnung physischer Behinderungen für Migranten aller Art mit einem Diktum des Erz-Aufklärers Voltaire, der die Chinesische Mauer als “Monument der Angst” bezeichnet hatte.

Darin offenbare sich einerseits die aufklärerische und romantische Verklärung Primitiver außerhalb der Mauern;

andererseits zeige sich ein ganz bestimmtes Krieger-Ethos, das auf die Verwendung physischer Barrieren herab blicke und auf einen der stigmatisierendsten Charakterzüge, der anderen zugeschrieben werden könne – Feigheit.

Im Lauf vieler Jahre schließlich habe sich die

admiration for the unwalled and the longing for a life of courage lived outside the walls (…) into one of the most powerful and pervasive belief systems in the Western world

entwickelt.

Unabhängiger Journalist

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