Friedman im Klartext, oder: Wie Europa geteilt und verheizt wird

friedmanFolgend Auszüge aus einem Vortrag des US-Strategen George Friedman. Die Worte des Stratfor-Gründers sind realistisch-nüchtern, nicht-moralisch und unzweideutig: Das Imperium ist bereit, seine globale Machtstellung über eine Konfrontation mit den Russen auf europäischem Boden abzusichern. Die Lügenpresse des alten  Kontinents schweigt dazu – berichtet und diskutiert wird lediglich in alternativen Medien.

Friedmans Erzählung erhellt (wenigstens) zwei Dinge. Erstens: Unsere europäischen Führer sind wie Wachs in den Händen der Amerikaner und zweitens: Die offiziösen Narrative, also die Interpretationen unserer Politiker und Historiker zu den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts, werden durch derlei Einlassungen zu wertlosem Schmonzes degradiert.

Friedman ist Gründer des privaten Geheimdiensts Stratfor. Er gilt als Geostrategie-Guru, über dessen neuestes Buch ich hier berichtet habe.

Friedman, dessen Eltern aus Ungarn stammen, hielt am 4. Februar einen einstündigen Vortrag vor dem Chicago Council on Global Affairs, der sich hier findet. Als ich am 14. Februar meine Besprechung von Flashpoints online stellte, war mir die Rede jedenfalls noch nicht bekannt.

Mir stand zunächst nur eine mit Untertiteln versehene, kondensierte Version des Vortrags zur Verfügung, die hier zu finden ist. Diese Zusammenfassung ist die Basis für meine Übersetzung.

Erst später stieß ich bis zur ebenfalls auf Youtube erhältlichen Vollversion vor. Wer des Englischen mächtig ist und die erforderliche Zeit aufwendet, kann hier wohl noch zahlreiche weitere Aha-Erlebnisse finden.

Die Friedman-Rede soll hier nicht in den Rang einer Offenbarung erhoben werden. Sie ist es nicht. Zum Beispiel sieht es so aus, als wäre dem guten George die Rolle nicht geläufig, die das Erdöl für die Bewahrung der Weltreservewährung US-Dollar spielt. Der Mann tut manchmal auch so, als würden sich die Amerikaner lediglich auf Wunsch osteuropäischer staatlicher Nachfrager einmischen.

Und schließlich hätte sich die Monroe-Doktrin wenigstens eine ehrende Erwähnung verdient. Das ist der seit 1823 zentrale außenpolitische Lehrsatz, in dem sich die USA eine Einmischung europäischer Mächte auf ihrem Kontinent verbitten. Hätte Russland eine ähnliche Doktrin nur für seine unmittelbare Nachbarschaft, wäre es schon längst zu einem heißen Krieg gekommen.

Die große Stärke von Friedmans Vortrag besteht aber darin, dass er diesem wie selbstverständlich die Heartland-Theorie Halford John Mackinders bzw. deren zeitgenössische Adaptierung zugrundelegt.

Das zeigt, dass diese alles andere als die Wahnvorstellung von Verschwörungstheoretikern ist. Es führt vor Augen, dass Mackinder quietschlebendig ist und das konkrete Agieren des Welthegemons inspiriert.

Natürlich ist Friedman kein Offizieller. Der Gründer der Schatten-CIA Stratfor, die Tausende Unternehmen und Einzelpersonen mit Intelligence versorgt, ist aber definitiv ein Insider.

Friedman übt sich vor dem Chicago Counsil in der schnörkellosen Sprache der Macht, die in den inneren Zirkeln gesprochen wird. Die Botschaften, die die Öffentlichkeit aus diesen erreichen, sind üblicherweise durch Medien gefltert und mehrfach schöngefärbt worden. Friedman sagt:

Das wahre US-Interesse an “Europa”

“Wir haben keine Beziehung mit Europa mehr. Wir haben eine Beziehung mit Rumänien oder mit Frankreich – es gibt kein Europa mehr, mit dem man eine Beziehung haben könnte.”

“Während des vergangenen Jahrhunderts, im Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie im Kalten Krieg lag das ursprüngliche US-Interesse in den Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. Das ist so, weil diese die einzige Kraft sind, die uns gefährlich werden kann. Unser Interesse bestand darin sicherzustellen, dass das nicht stattfindet.”

Die USA und die Ukraine

“Wenn du Ukrainer bist, wirst du nach einem Land Ausschau halten, das dir helfen kann. Das sind im Wesentlichen die USA. Vor zehn Tagen war General (Frederick) Hodges, Kommandeur der US-Armee in Europa auf Besuch in der Ukraine. Er kündigte an, dass US-Ausbildner nun auch offiziell kommen würden, nicht nur inoffiziell.

Er hat sogar Orden an ukrainische Soldaten verteilt, was im militärischen Protokoll der USA eigentlich verboten ist. (Ausländer bekommen keine Orden). Er tat dies um zu zeigen dass es sich um seine Armee handelt.

Danach kündigte er in den baltischen Staaten an, dass die USA Waffen, Artillerie und anderes Gerät bereitstellen würden – im Baltikum, Polen, in Rumänien und Bulgarien.Die Vereinigten Staaten haben auch angekündigt, Waffen in die Ukraine zu schicken – sie haben das zwar inzwischen dementiert, tun dies aber sehr wohl. Die Waffen werden geliefert.

Mit  all dem haben die USA außerhalb des NATO-Kontexts agiert – weil die NATO-Entscheidungen einstimmig getroffen werden müssen. Ein Land kann alles beeinspruchen. Die Türken tun das vielleicht nur, weil es ihnen gerade so einfällt.”

Cordon Sanitaire um Russland

“Der Punkt ist, dass die USA einen (neuen) Cordon Sanitaire schaffen, einen Sicherheitsgürtel rund um Russland. Russland weiß das. Es glaubt, dass die USA die Russische Föderation zerschlagen wollen. (Ich glaube das nicht.) Ich denke – um mit Peter Lorre (US-Schauspieler) – zu sprechen: ‘Wir wollen dich nicht töten, wir wollen dir nur ein bisschen wehtun.’

Wie auch immer – wir sind wieder im alten Spiel. (…) Wenn sie einen Polen, Ungarn oder Rumänen fragen – die leben alle in einem ganz anderen Universum als die Deutschen. Diese wiederum leben in einem ganz anderen Unversum als die Spanier. Es gibt keine Gemeinsamkeit in Europa. (…) Wenn ich Ukrainer wäre, würde ich genau das tun, was die (wirklich) tun: ich würde versuchen, die Amerikaner hineinzuziehen.”

Die Seemacht und Eurasien

“Die USA (…) kontrollieren alle Meere der Welt. Das hat bisher noch keine Macht gekonnt. Aus diesem Grund können wir auch bei (anderen) Völkern einfallen, diese aber nicht bei uns. Das ist eine nette Sache.

Die Beibehaltung der Kontrolle über die Meere und über den Weltraum ist das Fundament unserer Macht. Die beste Art, die Flotte eines Feindes zu besiegen, ist es gar nicht zuzulassen, dass sie gebaut wird. Die Briten haben es geschafft, dass keine europäische Macht eine solche Flotte bauen kann, weil die Europäer einander an der Gurgel hatten.”

“Die Politik, die ich empfehlen würde, ist die Politik Ronald Reagans gegenüber Iran und Irak. Er stattete beide Seiten mit Mitteln aus, damit sie einander bekämpfen konnten – und damit sie nicht gegen uns Krieg führten. Das war zynisch und nicht moralisch – aber es funktionierte.”

“Der Punkt ist, dass die USA Eurasien nicht okkupieren können. In dem Moment, in dem die ersten amerikanischen Soldatenstiefel den Boden berühren, sind wir aus demographischen Gründen hoffnungslos unterlegen.

Wir können eine Armee besiegen, den Irak aber nicht okkupieren. Die Idee, dass 130.000 Mann ein Land mit 25 Millionen Menschen besetzen können (ist absurd). Die New Yorker Polizei hat relativ zu den Einwohnern zahlenmäßig mehr Polizisten auf der Straße als wir Soldaten im Irak hatten.”

Was “wir” können und was nicht

“Wir sind also nicht in der Lage, Befehle quer durch den Raum zu schreien. Wir können aber erstens die verschiedenen gegeneinander kämpfenden Mächte unterstützen, damit sich diese auf sich selbst konzentrieren. Wir können zweitens politisch und ökonomisch unterstützen und wir können auch militärisch unterstüzen – Berater…Und im Extremfall können wir machen, was wir in Japan gemacht haben (sic !) … in Vietnam, im Irak und in Afghanistan: Störangriffe (“spoiling attacks”).

Solche Störangriffe sind nicht dazu da, den Feind zu besiegen, sie sollen ihn aus dem Gleichgewicht bringen. So sind wir in jedem dieser Kriege vorgegangen. So haben wir zum Beispiel Al Kaida aus dem Gleichgewicht gebracht.”

“Weil wir aber jung und dumm sind, haben wir nachher nicht gesagt: ‘Wir haben einen guten Job gemachtl Lasst uns nach Hause gehen !” Stattdessen haben wir gesagt: ‘Das war aber leicht ! Warum bauen wir nicht gleich auch eine Demokratie auf?’ Das ist der Moment, an dem uns der Schwachsinn befallen hat. (…)”

“Die (richtige) Antwort lautet daher: Die USA können nicht ständig in Eurasien intervenieren. Sie sollten stattdessen selektiv und sehr selten intervenieren, nämlich nur im Extremfall.

Wir können nicht als ersten Schritt unsere Truppen hineinschicken. Wenn wir amerikanische Truppen schicken, muss uns klar sein, was deren Mission und deren Grenzen sind – statt alle möglichen psychotischen Fantasien zu entwickeln.

Hoffentlich haben wir dieses Mal verstanden. Kinder brauchen im Unterricht ja immer eine gewisse Weile um zu verstehen…”

Richtige und falsche Strategien

“Als Empire können wir nicht (überall intervenieren). Auch die Briten haben nicht einfach Indien besetzt. Sie haben die einzelnen indischen Staaten gegeneinander kämpfen lassen und britische Offiziere für eine indische Armee gestellt.

Die Römer haben (auch) keine großen Armeen ausgeschickt. Sie haben Könige wie…Unter dem römischen Kaiser wurden Könige geschaffen und diese Könige waren für die Erhaltung des Friedens verantwortlich. Pontius Pilatus ist ein Beispiel dafür (nicht ganz richtig, Pontius Pilatus war, anders als Herodes, ein römischer Präfekt).

Imperien, die direkt (von der Zentrale) regiert werden – wie zum Beispiel das Nazi-Imperium – sind gescheitert. Niemand hat so viel Macht. Man braucht eine gewisse Klugheit.”

“Wir haben aber noch nicht einmal dieses Problem. Wir müssen erst zugestehen, dass wir ein Imperium haben. Wir wollen das heute (noch) nicht zugeben. Wir wollen nicht zugeben, dass wir nicht sagen können: ‘Wir gehen jetzt heim, es ist vorbei.’ Wir sind noch nicht einmal bei Kapitel 3 des Buchs angelangt.”

Der Intermarum-Plan

“Die Frage, die sich die Russen stellen müssen, ist, ob sie eine zumindest neutrale Pufferzone zurückbehalten können – oder ob der Westen so weit in die Ukraine vordringt, dass er nur mehr 100 Kilometer westlich von Stalingrad und 500 Kilometer von Moskau entfernt steht.

Der Status der Ukraine ist für Russland eine existenzielle Bedrohung. Die Russen können gar nicht loslassen. Wenn sich Russland an die Ukraine klammert, können die Vereinigten Staaten das aber stoppen.”

General Hodges, der dafür ernannt wurde alle Schuld auf sich zu nehmen, spricht von einer Bereitstellung von Truppen in Rumänien, Bulgarien, Polen und dem Baltikum. Das ist kein Zufall.

Dieses Gebiet ist das Intermarum, das Territorium zwischen dem Schwarzen Meer und dem Baltikum, von dem (der polnische Diktator) Pilsudski geträumt hat. Das ist die von den USA bevorzugte Lösung.”

intermarum

Die deutsche Sphinx

“Die Frage, die wir nicht beantworten können, ist: Was wird Deutschland tun? Die wirkliche Unbekannte ist die Antwort auf folgende Frage: Während die USA ihren Cordon Sanitaire westlich der Ukraine aufbauen und die Russen krampfhaft versuchen, die Ukraine in den Griff zu bekommen – was ist die deutsche Haltung ?

Deutschland ist in einer ganz speziellen Position. Sein früherer Kanzler Gerhard Schröder sitzt im Aufsichtsrat von Gazprom. Die Deutschen haben eine sehr komplizierte Beziehung zu den Russen. Die Deutschen wissen (derzeit) selber nicht was sie tun sollen. (…)

Die ursprüngliche US-Angst sind deutsche Technologie und deutsches Kapital, die sich mit russischen Ressourcen und russischer Arbeitskraft verbinden. Das ist die Kombination, die die Vereinigten Staaten seit Jahrhunderten erschreckt. (…)

Die USA sind bereit, ihre Karten auf den Tisch zu legen. Diese bestehen aus der Verbindungslinie zwischen dem Baltikum und dem Schwarzen Meer. Auch die russischen Karten sind klar: Russland benötigt wenigstens eine neutrale Ukraine, keine prowestliche. (Weißrussland ist eine andere Frage.)

Wer mir sagen kann, was die Deutschen tun werden, kann mir Auskunft über die Geschichte der nächsten 20 Jahre geben. Leider haben sich die Deutschen noch nicht entschieden.

Das ist das ewige Problem Deutschlands: Das Land ist wirtschaftlich enorm mächtig, geopolitisch aber sehr zerbrechlich. Es weiß nicht, wie es diese beiden Umstände miteinander versöhnen kann. Diese “deutsche Frage” gibt es seit 1871.”

Rezeption nur in alternativen Medien

Der Vortrag hat im deutschsprachigen Internet mittlerweile zu so etwas wie einem Entrüstungssturm geführt – so weit sich derlei über Vorgänge sagen lässt, die sich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle unserer Lügenpresse abspielen.

Wie zu erwarten, spielt der korrupte und/oder wahrnehmungsgestörte Mainstream keine Rolle bei der Rezeption des Texts.

Dort räsonniert man lieber über die “Propagandawalze Putins” oder lamentiert über die “Feinde Europas”. Berichterstattung und/oder Analyse werden praktisch ausschließlich von alternativen Medien geleistet – zum Beispiel hier oder hier. Die Eigenpropaganda von Nutzen und Vorteil der professionellen Journalisten hat sich damit – für alle sichtbar – von selbst erledigt.

Unabhängiger Journalist

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