Vorwärts ins digitale Mittelalter!

Techno-Freaks und Lifestyle-Grüne sind sich einig, dass die Zukunft für die Menschen einen Sack voll schöner Gaben bereit hält. Während die einen dabei an virtuelle Welten ohne Schwerkraft und Entfernungen denken, träumen die anderen von der Beschaulichkeit im Ewigen Gemüsegarten, die zwei Mal jährlich von nachhaltigen Öko-Trips unterbrochen wird. Vielleicht haben beide ein bisschen recht – aber auf ganz andere Weise als sie es sich wünschen. NB zu “Hunger, Kälte und Immobilität”.

Eine Hightech-Version des Mittelalters ist uns nämlich viel näher als unsere Tagträumer es wahrhaben wollen.

Eine Epoche, in der es zwar Datenhelme gibt – aber auch Hunger, Kälte und Immobilität;

eine Epoche, in der der Pöbel weder mit elektrogetriebenen, selbstfahrenden Vehikeln durch die Gegend kutschiert wird, noch mit umweltfreundlichen Öffis (wie heute imaginiert wird).

Eine Ära, in der ein neuer Adel in Lambos & Ferraris an VR-Fans und Gemüsegärtnern vorbeiflitzt wie weiland Ritter Kunibert auf dem Pferd an seinen Bauerntölpeln.

Die Tölpel mochten und mögen darüber die Faust im Sack ballen – helfen wird ihnen das nichts. Bauernaufstände waren schon im ersten Mittelalter wenig erfolgreich.

Was ist nun der Humus für diese Dystopie? Die Griesgrämigkeit des Alters?

Nicht primär.

Dieser Blogger schmeichelt sich, überwiegend rational, ja rationalistisch vorzugehen und Zukunftsprojektionen auf Basis beobachtbarer und objektivierbarer Phänomene vorzunehmen (was nicht gleichbedeutend ist mit der Verwendung heute gängiger Narrative).

Dieser Blogger hebt auch nicht auf das neue Mittelalter Nikolai Berdjajews ab, zumindest nicht primär (an einem unbestimmbaren Punkt der Zukunft mag es zu einem Zusammenfluss zwischen seinem “digitalen” und dem Mittelalter der sogenannten Neu-Rechten kommen).

Dieser Blogger zielt auf die unseren Gesellschaften zur Verfügung stehende Energie, verstanden in einem durchaus naturwissenschaftlich-physikalischen Sinn.

Er meint Bewegungsenergie und Wärmeenergie. Und elektrischen Strom, den man ja nicht unbedingt als Primärenergie bezeichnen kann.    :lol:

Hier sieht es – um es vereinfachend zu sagen – wirklich schlimm aus, speziell für die Europäer von morgen (die von übermorgen werden in ihrem Jammer Gesellschaft finden – Asiaten, Afrikaner, Amerikaner).

So eine Perspektive widerpricht letztlich allen und jeden, die in unserer Gesellschaft Stimme und Prestige haben, beginnend bei Tausenden grünen Lehrern in unseren Klassenzimmern bis hin zu Politikern und Ökonomen des Mainstreams (und – ja, auch die – den Vertretern der “österreichischen Schule”).

Den gemeinsamen Boden von Establishment und selbst ernannten Nonkonformisten bringt Nick Szabo in “Two Malthusian Scares” prägnant zum Ausdruck:

It’s no longer debatable that commodity supplies in general pose few limits to long-term industrial growth, nor, except in the special case of phosphates, any significant limits that cannot eventually be innovated past by substituting newer more abundant materials for scarcer older ones (…) A far more debatable proposition is to how much environmental impacts will or should limit industrial growth — for example, what is or should be our ability to continue pumping more carbon dioxide into the atmosphere? That is a debate this paper shall leave for another day.”

Also: Ressourcenknappheit (“Malthus”): “gibt’s doch gar nicht”, Umweltschaden (“Klima”): “aber klar doch”.

Wie man geräuschlos eine Zivilisation umbringt

Wenn man sich jedoch die Energiestatistiken der Gegenwart ansieht und die Wirtschaftsgeschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte (unvoreingenommen) Revue passieren lässt, gelangt man eher zum gegenteiligen Schluss:

Der viel gelobte menschliche Erfindergeist, die Triumphe der Wissenschaften, der industriellen Wertschöpfung und letztlich auch der “Endsieg über die (erste) Natur” waren nur auf Basis eines historisch beispiellosen, überschießenden Energiereichtums möglich.

Eines Reichtums, der fast ausschließlich durch die viel geschmähte fossile Energie ermöglicht wurde: Kohle, Erdöl und Erdgas.

Das kann man mittlerweile sogar als “im Elfenbeinturm anerkanntes Wissen” bezeichnen (dessen Konsequenzen berührt man freilich auch dort nicht einmal mit einer drei Meter langen Stange). Siehe dazu beispielsweise Moriarty und Honnery, “Rise and Fall of  the Carbon Civilisation”.

Die Schweinerei mit dem Kohlenstoff muss nun ein Ende haben, fordern grüne Lehrer und “demokratische” Politicos freilich immer gebieterischer (natürlich “aus Klimaschutz-Gründen”).

Die Folge ist, dass das regierende Polit-Gesindel der Karbon-Ziviliation “proaktiv” den Teppich unter den Füßen wegzieht, unter Berufung auf gefakte Umfragen. Ein Lehrbeispiel dafür bietet das Energiewende-Deutschland der Angela Merkel.

Hier noch einmal zur Erinnerung der energy split der EU-28 aus dem Jahr 2015:

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Eingeringelt ist der Anteil, den grüne Lehrer sowie Journo- und Polit-Gesindel zuallererst abschaffen wollen: Erdöl(produkte) – natürlich aus Klimaschutz-Gründen und angeblich, weil die junge Generation “schmutzige Energie” nicht will.   :mrgreen:

Das wird ein furchtbarer Schlag für das “sozioökonomische System” – aber es ist noch nicht das Ende der europäischen Karbon-Zivilisation.

Das ist erst gekommen, wenn das Gesindel Kohle und Gas (sowie Kernspaltung) “abgeschafft” hat. Spätestens dann gehen freilich auch die Lichter aus, weil das Stromnetz futsch ist.

Literatur:

Astrid Kander, Paolo Malanima, Paul Warde, Power to the people. Energy in Europe over the Last Five Centuries. 2013

Patrick Moriarty, Damon Honnery, Rise and Fall of the Carbon Civilisation. Resolving Global Environmental and Resource Problems. 2011

Vaclav Smil, Energy and Civilization. 2017

Nachbemerkung, 21.3.2018, 7.00 Uhr: Ich sehe die Andeutung mit “Hunger, Kälte und Immobilität” nicht als Panikmache. “Hunger” bzw. (Selbst)Versorgung mit Nahrungsmitteln hat mit Dünger (z.B. Phosphat), Boden(erosion) und Mechanisierung der Landwirtschaft zu tun – alles Themen, die, gelinde gesagt, nicht unproblematisch sind.

Raumwärme hat heute sehr oft mit Erdgas zu tun. Obgleich ich für die kommenden Jahrzehnte dort keine echte, weltweite Knappheit erkennen kann, ist das Thema Gasversorgung für Europa ein geostrategisch heißes Eisen.

Und die Immobilität ist ein riesiges, wohl nur temporär zu vermeidendes Problem, das sich spätestens mit der “Abschaffung” von Benzin und Diesel als Transporttreibstoffe stellt. 

Unabhängiger Journalist

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