Williamson & die Pöbelherrschaft des 21. Jahrhunderts

cover_williamsonEin US-Libertärer untersucht die aktuelle Position der “kleinsten Minderheit”, des denkenden Individuums, und diagnostiziert Politik und Medien folgten – um mehrheitsfähig bzw. rezipiert zu werden (bleiben) -:Kevin_D._Williamson_at_FreedomFest_2016 dem Mob, diesfalls dem elektronischen in den sozialen Medien, einer Masse Mensch, die erregbar, kulturfern und artikulationsunfähig wie jene auf der Straße sei: der Vorbote einer als Demokratie verkleideten Ochlokratie.

Kevin D. Williamson ist ein begnadeter Polermiker und ätzender Spötter. Vor ein paar Wochen erschien seine Smallest Minority: Independent Thinking in the Age of Mob Politics.

Der Mann gilt als konservativ (und ordnet sich manchmal selbst auch so ein) – ob das im Vollsinn des Wortes freilich zutrifft, sei dahin gestellt.

Ja, der Kommentator klassifiziert Abtreibung als vorsätzlichen Mord, zitiert laufend Shakespeare und hat ein Faible für die Konstitution & die Gründerväter – ob habituelles Zitieren von Erich Fromm oder Sympathie für Lucifer-Typen, Tyrannenmörder, Verräter und Radikale auch in diese Richtung weisen, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Auch Williamsons Beschimpfungen von Donald Trump sind so eine uneindeutige Sache.

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Für ihn ist der Schwachsinnige von der Pennsylvania Avenue 1.600 ein Genie des Verunglimpfens und Erniedrigens anderer u.a. via Twitter – einer zentralen Technik der neuen Ochlokraten;

der Mob, den Williamson allerdings meint, ist typischerweise aber eine andere Empörungsgemeinde – eine “liberale”, die sich z.B, über die angeblichen Verbindungen Trumps zu Neonazis und white supremacists etc. ereifert -

zum Beispiel die “amerkanischen Schwarzhemden”, die sich selbst Antifaschisten nennten:

Someone should break the bad news to Antifa and their imitators online and in the real world: There isn’t any Nazi menace lurking in the United States. And the play-acting on that score would be embarrassing for thirteen-year-olds—for thirty-two-year-olds, it’s delusional and neurotic.”

In Charlottesville seien 2017 bloß die üblichen Verdächtigen der extremen Rechten aufmarschiert, der angeblich stattgefunden habende massive rechtsradikale Aufmasch sei bloß eine

mass hallucination (…) Far from being a sea of swastika flags, the Unite the Right march was notable for its absence of them (…) The news photos of the event that include a Nazi flag all seem to have captured the same one, being carried by a sad-looking misfit in an olive-drab T-shirt.”

Freilich hat Williamson selbst sehr wohl ein Problem mit der Demokratie, wie er einräumt.

Demokratie & Ochlokratie

Für ihn mündet die “Volksherrschaft” nämlich gerade wieder in einen vulgären und tyrannischen Majoritarismus des Pöbels (auch kann W. selbst buchstäblich keinem Bonmot widerstehen, z.B.

I come not to praise democracy but to bury it.”)

Der Online-Mob und seine Beschwörer auf der Linken, erklärt er, versuchten aktuell zwar gegen das Erste Amendment zu mobilisieren, das u.a. free speech in den Verfassungsrang erhebt.

Das sei letztlich aber gut verankert.

Weil die freie Rede in den USA rechtlich viel besser geschützt sei als z.B. in Europa, bemühe man sich nun, privaten und öffentlichen Unternehmen und Körperschaften deren Unterdrückung aufzunötigen, mit Mitteln moderner mob politics.

Das falle schon deswegen auf fruchtbaren Boden, weil diese Organisationen schon immer disciplinary corporations gewesen seien.

Den (angeblich) “deutschen Ansatz” des Kampfs gegen die Liberalität mit illiberalen Mitteln schätzt er freilich ebensowenig. Dieses Konzept der streitbaren Demokratie, dem W. sein längstes Kapitel widmet, verbinde sich mit den despotischen Tendenzen der Ochlokratie.

Das Einsperren oder auch nur die behördlichen Belästigungen von wirklichen und vermeintlichen Neonazis (gegen die weder die europäische Journaille noch das hiesige Polit-Gesindel etwas “einzuwenden haben”), ist für ihn ein no go – jedenfalls im Jahr 2019.

Jeffrey & Kevin

Das letzte Kapitel, das elfte, widmet sich einem Vorgang vom vergangenen Jahr, durch den Williamson ein paar Tage lang ins Rampenlicht der amerikanischen mob politics gerückt war

- sein Kuzfrist-Engagement bei The Atlantic, einem eher linksgerichteten Monatsmagazin. Williamson wurde dort nach gerade drei Tagen schon wieder gefeuert.

Die Begründung war ein älterer Tweet, in dem W. (“scherzhaft”, er ist prinzipiell Gegner der Todesstrafe) gemeint hatte, Abtreibende sollten aufgehängt werden.

Das hatte liberale Twitterati empört, die ihrerseits beträchtliche Resonanz in der liberalen Mainstream-Presse fanden (Der “Pro Life-Extremist” glaubt freilich, dass eine Inhouse-Kampagne primär von “feministischen” Abtreibungsbefürworterinnen von größerem Gewicht war).

Na, jedenfalls war Williamson “nicht mehr haltbar” und kriegte von jenem Herausgeber den Weisel, der ihn, den ständigen Trump-Kritiker, ein paar Wochen vorher noch angeheuert hatte (wg. politischer Diversität in der Redaktion).

Mächtige weiße Männer, spottet Williamson, hätten heute halt panische Angst vor jungen, weiblichen Untergebenen.    :mrgreen:

Das nimmt unser Smallest Minority-Autor einerseits sportlich achelzuckend: IDF-Veteran Jeffrey Goldberg sei eigentlich schon mutig – er habe Situation & Kräfteverhnältnisse nur falsch eingeschätzt.

Goldberg gehöre jedenfalls seiner “kleinsten Minderheit” an. Wenn er, Williamson, nur für Publikationen arbeiten würde, in denen nie “falsche Entscheidungen” getroffen worden sind, könnte er überhaupt nirgendwo mehr schreiben.

Andererseits kann sich, was eine echte Lästerzunge ist, Seitenhiebe unmöglich verkneifen:

A couple of hundred thousand tweets from people on the intellectual level of dead-average chimpanzees and a few passive-aggressive threats from a handful of dotty young Millennial women on staff had Goldberg’s tackle shriveling up like a couple of unharvested Bordeaux grapes in late November.”

Bild: FreeConcordRaw [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons

Unabhängiger Journalist

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