“Storytelling” – Gschichtln drucken für Weltklima und Publikationsliste

cover_storytelling_ccEine soeben erschienene Diskursanalyse spürt jenen Erzählungen nach, mit denen “Klimabewegte” Bürger industrialisierter Länder dazu bewegen wollen, stellvertretend für ihre Kinder und Kindeskinder massive Abstriche in ihrer  Lebenshaltung hinzunehmen. Man bedient sich dabei eines konstruktiven Verfahrens, das auch bei der Selbstdarstellung von Unternehmen sowie in Marketing & Werbung breit verwendet wird.

Vorbemerkung: Dass dieser Eintrag an einem 1. April publiziert wird, ist tatsächlich reiner Zufall. (Fast) jedes Wort ist ernst gemeint.   :lol:

Der Ausdruck Gschichtln drucken ist ein Austriazismus, der in einem Online-Lexikon für die österreichische Mundart mit “Geschichten erzählen, auch: lügen” erklärt wird.

Das trifft die changierende Bedeutung des Idioms.

Gemeint ist im Wesentlichen das Vorbringen von Erklärungen/Ausflüchten, die der Geschichtenerzähler selbst manchmal ganz, oft “nur zur Hälfte” (mit Vorbehalten) und mitunter gar nicht glaubt.

Der Ehemann, der – ev. gegen seine vorherige Zusicherung – erst um vier Uhr früh aus dem Wirtshaus kommt und seiner Frau erklärt, er habe nach einem Notfall jemanden in die Ambulanz begleiten müssen, lügt (wahrscheinlich) bewusst.

Er tut aber das Gleiche wie ein Handelsvertreter, der, um zu einem Abschluss zu kommen, wundersame Dinge über sein Produkt erzählt (die er mehr oder minder selbst glaubt).

Beide drucken ein G’schichtl.

Storytelling meint etwas Ahnliches, auf highbrow (more highbrow sind nur “Diskurs” und “Narrativ”   :mrgreen:    )

Es geht letztlich um eine politisch erwünschte “Konstruktion von Wirklichkeit”.

Storytelling ist ein interdisziplinärer Modebegriff, der weiter unten noch etwas ausgeführt wird.

Das vor allem unter Intellektuellen verbreitete Mem ruht auf zwei Grundlagen:

  • Der Wahrheitsgehalt der Geschichten, über die gesprochen wird, interessiert nicht (mehr), z.B. weil (fälschlicherweise) vorausgesetzt wird, dass “die Wissenschaft” bereits das letzte Wort dazu gesprochen habe (“the science is settled”). Selbst wenn dem nicht so wäre, wäre aber eine andere Fachwissenschaft zuständig, zu der sich der gemeine Akademiker “kein Urteil anmaßen will”.
  • Die zweite Grundlage ist die aus den Kultur- und Sozialwissenschaften stammende Überzeugung, dass es “ohne Geschichten nicht geht” – nicht bei “Primitiven”, die “am abendlichen Feuer”Mythen hören wollen; aber auch nicht bei Menschen in industrialisierten Gesellschaften, denen Werbung und Medien Geschichten erzählen müssen. Natürlich auch die climate advocates: “The narratives described above show how a phenomenon based in the sphere of natural sciences becomes storied and what Smith calls ‘a meaningful social fact’ (…) This is how climate change becomes part of the social world by mimicking those pre-modern structured myths and narratives our societies are still holding onto.” (Arnold, 124)

Das ist der Anknüpfungspunkt für zahlreiche “sozial-/geisteswissenschaftliche Meta-G’schichtl-Drucker”, aka: “Wissenschafter”.

Zunächst geht es um eine eher theoretische Einordnung von besonders tief und breit verankerten G’schichterln (“Narrativen”) – üblicherweise aber mit dem Ziel, diese nutzbar zu machen, etwa nach dem Muster: “Wie erzähle ich stories richtig – nämlich so, dass sie auch geglaubt werden?”

Das ist für die “wissenschaftlichen” Sympathisanten der G’schichtl-Drucker prima facie kein politisch-moralisches Problem, weil es ja um “globable Gerechtigkeit” bzw. “den Planeten” geht und “die Wissenschaft eindeutig” sein soll.

Die Klima-Lobbyisten sind auch für ihre universitären Fans “Helden” (und heroes dürfen anscheinend grob manipulativ vorgehen).

Zweitens sind die Veröffentlichungen den akademischen Karrieren unserer Meta-G’schichtl-Drucker absolut zuträglichStichwort Publikationsliste.

Literaturverzeichnisse und Publikationslisten sind in der universitären Subkultur des Westens das Um und Auf kleiner und großer Karrieren.

Sie dienen als Nachweis von Gelehrsamkeit und wissenschaftlicher Produktivität – vom kleinen Proseminar-Studenten bis zur Lehrstuhl-Prätendentin.

***

Die Narrativ-Analyse, die hier speziell interessiert, stammt von Annika Arnold. Es ist ein Text, der Anfang dieses Jahres gebunden sowie als Kindle erschienen ist – siehe z.B. hier.

Die Arbeit, die auf eine Dissertation zur Erlangung des Dr. rer.pol. zurückgeht, wurde durch ein Stipendium der SP-nahen Friedrich Ebert-Stiftung ermöglicht (die “Ebert-Connection” findet sich in den Danksagungen im Vorwort des soeben erschienenen Buchs).

Ihr Kern ist die Narrativ-Analyse von 15 “Klima-Advokaten” ( = Lobbyisten, campaignern) – acht deutschen und 7 US-amerikanischen -, mit denen Arnold über drei Jahre hinweg 16 Interviews geführt hat – p.  84 (“qualitative data” = umfragetechnisch irrelevant, aber trotzdem wichtig).

Der Text bringt, so lustig das klingt, freilich einen nicht zu unterschätzenden Erkenntnisgewinn: Er systematisiert die (ohnedies bekannten) persuasiven Strategien der Klima-Aktivisten;

unwissenschaftlich ausgedrückt: Er beschreibt. wie etwas weniger informierte Menschen über selektive Information und moralisierende Kurzschlüsse dazu gebracht werden sollen, sich gegen die eigenen Interessen zu engagieren.

Mehr dazu weiter unten. Zunächst Allgemeines zu storytelling und darüber, wo bzw. wie dieses buzzword besonders oft benutzt wird.

Ein wissenschaftlicher Modebegriff

Praktisch überall, wie eine kurze Datenbank-Recherche enthüllt; überall mit Ausnahme der naturwissenschaftlichen und technischen Studienrichtungen ( = “natural sciences” ).

Besonders intensiv scheint man sich damit in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zu beschäftigen, namentlich in der Organisationssoziologie und in verschiedenen ökonomischen Zweigen.

Freilich ist dieses Mem z.B. auch bei Spieleentwicklern, Museumspädagogen, in der tertiären Bildung, bei Publizisten aller Schattierungen oder in der praktischen Politk beliebt, siehe z.B. hier, hier und hier.

Hier zur groben Orientierung das Inhaltsverzeichnis eines 2017 erschienen Readers (“Storytelling. Geschichten in Text, Bild und Film”). Der Screenshot erfolgte ohne Genehmigung der Buchautoren – dieser Blogger macht jedoch sein Recht auf ein urheberrechtlich zulässiges Zitat geltend.

storytelling_schachWie aus den gezeigten Themenstellungen ersichtlich, findet die Technik speziell in der Unternehmenskommunikation nach innen und außen Verwendung.

Es gibt ein zweites, an das business storytelling angrenzendes Gebiet, das an einer wissenschaftlichen Aufarbeitung des G’schichtldruckens besonders interessiert ist: Werbung & Marketing.

Dazu der Titel eines soeben erschienenen Buchs, der beispielhaft für Aberdutzende ähnlich gelagerter Publikationen stehen soll: Anja Fordon, Die Storytelling-Methode. Schritt für Schritt zu einer überzeugenden, authentischen und nachhaltigen Marketing-Kommunikation.

Storytelling scheint sich also besonders für Kommunikationsformen zu eignen, die nicht eben im Ruf stehen, besonders nüchtern, distanziert, wahrhaftig, etc. zu sein.

Unternehmen können (und wollen) übrigens auch gar nicht den Anspruch erheben, für das Große und Ganze zu sprechen um beispielsweise “den Planeten zu retten”.

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Victims und Villains

Was erbringt nun die Analyse der von Arnold interviewten climate advocats ?

Diese verwenden hauptsächlich vier Groß-Narrative: zwei wirtschaftliche (positiv/”grünes Wachstum” – p. 92 sowie negativ/”Tourismus-Einbußen, Schäden durch Naturkatastrophen” – p. 88);

zwei weitere Erzählungen sind politisch-moralisch (“environmental concerns”, “global responsibility and solidarity”).

Bei den von den Anzuagitierenden angesprochenen Umweltbedenken versuchen die Propagandisten, “kleine Erfahrungen aus dem Alltagsleben” der Angesprochenen mit ihrem eigenen “großen Anliegen” zu verknüpfen.

Zum Beispiel bei Anglern, die meinen, dass die Fische heutzutage nicht mehr so viel Luft bekämen wie noch vor einigen Jahren – p. 108.

Diese Personen werden nun zur angeblichen Ursache ihrer Beobachtung “geleitet”, der Klimaerwärmung (natürlich führen von dort alle neuronalen Straßen zum Kohlendioxid in der Atmosphäre und weiter zu dessen – angeblich – vorwiegend menschlichen Emittenten in den Industrieländern).

Das vierte analysierte Narrativ ist mit “globale Verantwortung und Solidarität” umrissen. Hier geht es darum, den Angesprochenen

  • ein schlechtes Gewissen zu machen, wegen der Schuld, die ihre Vorfahren durch das Verbrennen von Kohlenstoffverbimdungen auf sich geladen haben sollen (so die Gewissensbisse nicht bereits vorhanden sind); gleichzeitig
  • werden – quasi zur moralischen Entlastung – Verantwortung und Solidarität mit den Leidenden angeboten.

Alles in allem beruht speziell das vierte Narrativ auf einer scharfen Trennung zwischen Helden (und Opfern) auf der einen und den Villains (und Nicht-Engagierten) auf der anderen Seite; ein manichäisches Weltbild, wie anderswo naserümpfend gesagt wird, oder gar: race baiting, sofern es um das gezielte Gegeneinander-Aufhetzen von Rassen geht.

Dabei ergibt sich sich in Deutschland und den USA die Gefahr, dass sich die von den Advokaten Angemachten beschuldigt fühlen und sich entziehen, “fälschlicherweise beschuldigt”, wie die Autorin unter Berufung auf einen ihrer Interviewpartner zuerst schreibt.

Ein paar Seiten weiter malt sie dieselbe Situation freilich ganz anders aus (wobei Arnold übrigens völlig in Einklang mit dem geschilderten victim-villain-Schema steht).

Um den Schurken die Möglichkeit zu geben die Seite zu wechseln soll der Agitator die Gruppen im Vorhinein nicht allzu scharf in Vernünftige und Unvernünftige trennen, rät Arnold:

Thus, the construction of the story of climate change and the layout of policy solutions needs to portray both sides as reasonable to allow the villain to change and join the hero’s quest.” (p.131)

 “Unwissenschaftliche Schlussbemerkung”

Jeder noch so kritisch gestimmte Dr. rer. pol würde an dieser Stelle die Rezension von Climate Change and Storytelling beenden – weil er glaubt, nicht in der Lage zu sein kompetent über fachfremde Dinge zu urteilen.

Nicht so dieser Blogger.

Diesem Blogger reicht der Umstand, dass er sich seit gut fünf Jahren mit den Themen Klima und Energie auseinandersetzt, um sich ein Urteil zu erlauben; ein Urteil das von offiziellen und offiziösen Urteilen abweicht (in diesem “Meta-Narrativ”).

Konkret fallen diesem Blogger zu den bei Arnold zusammengefassten G’schichterln folgende drei Punkte ein:

  • Seltsamerweise verzichten die Klima-Lobbyisten drauf, die behauptete Kausalität von menschengemachten Treibhausgasen und Erderwärmung aktiv anzusprechen – aus welchen Gründen immer. Vielleicht ist das für’s G’schichtldrucken gegenüber Laien nicht geeignet. Vielleicht glaubt man, sich auf jahrzehntelanges Eintrichtern durch Schule, Politik und Medien verlassen zu können – dergestalt, dass quasi als Pawlowsche Reaktion auf den Begriff Klimawandel die response “CO2″ erfolgt. Vielleicht fürchtet man aber auch den Einwand zufällig Informierter, dass der menschengemachte Anteil an dem in die Atmosphäre abgegebenen CO2 gerade einmal vier Prozent beträgt – siehe dazu die (ursprüngliche) Graphik des carbon cycle im 4. AR des IPCC. In der aktuell downloadbaren Version wurde auf Seite 515 die ursprüngliche Graphik so bearbeitet, dass 20 Gigatonnen des von den Meeren abgegebenen Kohlendioxid als menschengemacht gezählt werden (!).
  • Klimawandel, Klimawandel, Klimawandel, tönt es durch Erzählungen der Agitateure unablässig – als ob das per se bedeuten würde, dass global warming mit menschengemachtem CO2 zusammenhängt. Es ist eine Banalität, dass sich in der Erdgeschichte das Klima gewandelt hat – manchmal auch schnell, über Jahrhunderte, Jahrzehnte gar. Die Jüngere Dryas war eine solche Zeit (“nach unten”). Wie immer mehr historische Studien belegen,  hat der climate change schon lange vor der Erfindung der Dampfmaschine umfangreiche Auswirkungen auf Staaten und Gesellschaften gehabt – im europäischen Spätmittelalter  (Campbell, 2016), im 17. Jahrhundert (Parker, 2014) und im Alten Rom (Scheidel/Harper, McCormick, 2018). Möglicherweise haben Veränderungen bei Klima und/oder Sonneneinstrahlung in anderen Fällen noch viel direktere (drastischere) Konsequenzen gezeitigt – zu Zeiten und an Orten, wo keine Quellen überlebt haben.
  • Und schließlich glänzt ein Thema durch Abwesenheit – eines, das die persönliche Lebenssphäre der zu Überzeugenden und ihrer unmittelbaren Nachkommen betrifft: der Nexus zwischen CO2 und Energie; der Umstand etwa, dass die den Westeuropäern abverlangte “Mitigation” absehbar darauf hinausläuft, drastische Verluste bei individueller Mobilität – und vielleicht sogar bei Elektrizitätsversorgung, bei Warmwasser und Raumwärme hinzunehmen, dieweil die “Entwicklungsländer” inklusive der VR China darauf verzichten, konkrete Einsparungsmaßnahmen bei CO2 auf den Tisch zu legen. Nur das “erweiterte Europa” tut das – Staaten, die zusammen zwischen 15 und 20 Prozent aller Emissionen stellen, siehe z.B. hier, hier, hier oder hier (dieser Blog hat übrigens 50 Klima-Einträge, die zum allergrößten Teil “nicht überholt” sind.)

Literatur:

Annika Schach (Hg.), Storytelling. Geschichten in Text, Bild und Film. 2017

Tatiana Belgorodski, Storytelling in der internen Unternehmenskommunikation. 2017

Walter Scheidel (Hg.), Science of Roman History. Biology, Climate and the Future of the Past. 2018

Geoffrey Parker, Global Crisis. War, Climate Change and Catastrophe in the Sevententh Century. 2014

Bruce M.S. Campbell, The Great Transition. Climate, Disease and Society i. t. Late-Medieval World. 2016

Unabhängiger Journalist

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