Man müsste buchstäblich jede einzene von den Massenmedien verbreitete “Information” auf Herz und Nieren prüfen, ob denn wirklich stimmt, was mit solch qualitativ angeblich hoch stehenden Infos ausgesagt bzw. insinuiert wird – wozu im hektischen Redaktionsalltag der Tagesmedien freilich kaum Zeit bleibt (umso wichtiger wären erfahrene Redakteure, die ein Gebiet bereits Jahre und Jahrzehnte “beackern” und die vielleicht halb intuitiv einer Behördenaussendung nicht vertrauen, oder die wenigstens wissen, wo sie “nachschlagen können”). So bleibt es wenigen in vereinzelten Bereichen vorbehalten, oft mit Monaten Verspätung Unsinn ans Tageslicht zu zerren (und daraus entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen). Das Beispiel Erdgasspeicher.
Eine solche – durch jahrzehntelange eigene Berufspraxis gestützte – wenig schmeichelhafte Schlussfolgerung meinerseits ist, dass von Unternehmen oder Politik/Ämtern verbreitete “Informationen” von der Journaille
- eher nicht “auf Plausibilität gecheckt” und
- womöglich in einer Form präsentiert werden, die praktisch eine Unwahrheit darstellt.
Derlei passiert etwa laufend bei der Erdgasversorgung der Europäischen Union, die gleich mehrere “Achillesfersen” hat, die aber von jedem, der die Zeit dafür aufbringt, “analysiert werden könnten”.
Man benötigte dafür eigentlich nur einen Internet-Anschluss, Englisch-Lesekenntnisse und das kleine Einmaleins oder einen Taschenrechner.
Zum Beispiel die
Füllstände bei den EU-Gasspeichern.
Wie vielleicht erinnerlich (und jederzeit überprüfbar), sinken die Erdgas-Speicherstände in der EU seit langem deutlich
und das “unbestreitbare Faktum im Vordergrund” ist, dass derzeit
a) Winter ist und
b) dass viele Haushalte nach wie vor mit Gas heizen.
Folgerichtig kann bei AGSI jetzt Tag für Tag verfolgt werden, wie Tausende GWh ausgespeichert (“Withdrawals”), aber viel weniger eingespeichert (“Injections”) werden
(nämlich nur vier bis fünf Prozent).
Auch das ist prinzpiell saisontypisch und zeigt, dass die Speicher als schwer ersetzbare “Puffer” funktionieren,
sowie dass der Speicherstand per se kein eindeutiger Parameter ist, von dem aus man nur “extrapolieren” müsste.
Das kann u.U. deswegen ins Auge gehen, weil es sein kann, dass von einem Tag auf den anderen der Gasverbrauch für Heizwärme oder “Verstromung” stark zurück geht oder viel mehr Erdgas angeliefert wird als bisher.
Für keine der genannten Faktoren gibt es derzeit freilich öffentlich zugängliche konkrete Anhaltspunkte
- weder bei den Außentemperaturen, noch in der Struktur der Stromaufbringung (“doppelte Saisonalität” durch Abgabespitzen an Gaskraftwerke), noch bei den Gasimporten in die EU.Wie Fig.1 bei Bruegels Natgas Import-Tracker zeigt, lag der gesamte Wochenimport in die EU im Jahr 2025 und Anfang 2026 relativ konstant bei 5,5 bis 6,5 Mrd. m3, ähnlich wie in den Jahren 2023 und 2024.
Dennoch liegen die “Füllstände” der Gaspeicher in der “AGSI-EU” – mit Ausnahme der Wintermonate 2021/22 -
- deutlich unterhalb der vergangenen Jahre (siehe Bruegels “Fig. 8″), aber nicht (nur) wegen des “strengeren Winters”, denn:
- Bereits zu Beginn der aktuellen Heizsaison, als über einen kommenden “strengeren Winter” höchstens spekuliert werden konnte, lag der Füllstand der EU-Speicher deutlich unterhalb der Vorjahre.
Folgend eine Tabelle mit den Arbeitsgas-Füllständen der Union, jeweils am 1. Dezember der vergangenen sechs Jahre. Ähnliche Nachforschungen ließen sich für einzelne EU-Staaten anstellen, die – bei regionalen Besonderheiten – wohl alle dieselbe Tendenz aufweisen (je kleiner der zur Verfügung stehende Speicherplatz, desto weniger aussagekräftig ist er natürlich). Quelle ist die historische Datenbank der AGSI.
| Jahr | “full” in % |
| 2025 | 74,79 |
| 2024 | 85,08 |
| 2023 | 94,68 |
| 2022 | 92,36 |
| 2021 | 67,22 |
| 2020 | 87,78 |
Man sieht also: Die EU hat zu Beginn der Heizsaison puncto “Füllstand” binnen eines Jahres etwa 10 Prozentpunkte verloren
(im aussagekräftigeren D. war der Verlust noch happiger, nämlich mehr als doppelt so hoch – fast 24 pp.)
In Terawattstunden bzw. Kubikmetern Standard-Erdgas ausgedrückt, lag der Speicher-Verlust in der EU bei 122,4 TWh oder 12,5 Mrd. m3, in D bei 60,3 TWh oder 6,2 Mrd. m3 und in Österreich um 13,2 TWh oder 1,35 Mrd. m3 (siehe dazu den Einheiten-Umrechner der holländischen Gasunie).
Nun wurde im deutschen Sprachraum quasi per Flüsterpropaganda verbreitet, dass ein wesentlicher Grund für den “Start-Nachteil” die überaus hohe Verstromung von Gas im Herbst 2025 sei
(was seinen Weg u.a. auch bis zu Interviewern im ö. Quasi-Staatssender fand).
Während die zugrunde liegende Behauptung teilweise richtig ist, sind die fraglichen Größenordnungen dennoch derart unterschiedlich, dass eine Kausalbeziehung mehr als fraglich ist.
Ein deutsches Fraunhofer-Institut bietet hier und hier die ursprünglich von ENTSO-E stammenden Daten über die öffentliche Netto-Stromproduktion für D und A an (es gäbe auch andere “Daten-Provider”).
Zur abgefragten “öffentlichen Netto-Stromproduktion” sind zwei kleinere Anmerkungen zu machen:
- Erstens gibt es auch private Stromproduzenten etwa für die eigene Erzeugung von was auch immer, deren Überschüsse in die gesamte Stromproduktion einfließen, eine Größe, die freilich nicht besonders bemerkenswert ist (in D. etwa 2,5 TWh monatlich) und
- zweitens benötigen alle Stromproduzenten einen kleinen Teil ihrer Erzeugung für ebendiese, was natürlich nicht in eine “Netto-Position” einfließt.
Wie hoch war nun die (Netto-)Verstromung von Gas in den drei Herbstmonaten vor dem Beginn der Heizsaison 2025 und wie vergleicht sich diese mit dem Wert für September, Oktober und November genau ein Jahr davor?
Das Fraunhofer-Institut ISE erteilt auf Basis von ENTSO-Daten eine Auskunft.
Demnach wurden 2025 in D über die drei Monate kumuliert 15,44 TWh Strom aus Gas erzeugt, 2024 aber nur 11,70 TWh. Das ist eine Differenz von 3,73 TWh, die laut dem oben verlinkten Umrechner 380 Mio. Kubik Erdgas entspricht.
Wo ist das “fehlende Speicher-Gas” hin?
Den deutschen Speichern müssten wegen der höheren Verstromung bis zu Beginn der Heizsaison vergangenes Jahr also um 380 Mio. m3 weniger Erdgas zugeflossen sein. Eine solche Menge ist, wie wir gleich sehen werden, vergleichsweise aber ein Klacks.
Noch absurder wird die Rechnung für Österreich, weil dort im Vergleichszeitrsaum des vergangenen Jahres sogar weniger verstromt wurde als 2024. Gemäß den Daten wurden in Ö. 2025 in den drei Monaten bis Ende November für 1,62 TWh (“netto”) Strom produziert, ein Jahr vorher aber 1,98 TWh. Die Differenz wären 0,36 TWh, was 40 Mio. m3 Erdgas entspräche, die 2025 den österreichischen Speichern mehr hätten zufließen sollen.
Das ist aus Gründen, die hier nicht erläutert werden sollen, natürlich eine “Milchmädchenrechnung”.
Faktum bleibt, dass am 1. Dezember 2025 in deutschen Speichern um 60,33 TWh weniger “gas in storage” war als ein Jahr davor und in österreichischen um 13,2 TWh. Das entspräche 6,2 MILLIARDEN m3 weniger in D und 1,4 Mrd. in Ö.
Wo, bitteschön, sind diese Milliarden Kubikmeter Gas also geblieben, wie hier auf Basis einer anderen (EU-weiten) Rechnung bereits einmal gefragt wurde.
Die Verstromung in den Herbstmonaten hat, wie oben gezeigt – wenn überhaupt -, nur minimal zu diesem “Gas-Verschwindibus” beigetragen und über’s Jahr wurde 2025 mehr und nicht weniger Gas importiert als 2024.
Wenn sie diesen Blogger fragen, ist das Ganze ein Riesen-Skandal, enteder ein Korruptions-, oder ein politischer Skandal.
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