Erdgas: Lob, Kritik & 3 Trugschlüsse

Gregor Hochreiter hat sich vor drei Tagen in diesem Blog die Erdgasversorgung Österreichs angesehen, und wenn es nicht eine unvorhergesehene Wendung gibt, werden die östliche Alpenrepublik -  bzw. die aus Wien regulierten Speicher – die  nächste Heizsaison puncto “Füllstand” mit einem noch größeren Handicap beginnen als im Herbst 2025. Die Wertigkeit dieser Aussage ist jedoch diskussionswürdig, etwa wegen eines weitgehend untauglichen “benchmarks” oder der Frage, wie “österreichisch” die Speicher überhaupt sind, auf denen das “Füllstands-Pickerl” klebt. Zunächst aber zu den Stärken von Hochreiters Text.

Auf der Haben-Seite befindet sich beispielsweise die Wahrnehmung, dass die vom Wiener Rudolfsplatz aus regulierten Gasspeicher nach Ablauf von vier Einspeichermonaten 2026 deutlich, nämlich um mehr als zwölf Prozentpunkte, hinter den vergleichbaren Stand von 2025 fallen

(und dass dieser Wert für die von der deutschen Bundesnetzagentur regulierten Speicher noch schlechter ist).

Das ist insoferne relevant, als – alle anderen Dinge (weitgehend) gleich – die Entwicklung der Füllstände in den vergangenen 365 Tagen sehr wohl aussagekräftig ist,

spiegelt diese mit hoher Wahrscheinlichkeit doch (im Sommer-Halbjahr) ein “Minderangebot” von Erdgas wider,

das freilich erst zu einem späteren Zeitpunkt fühlbar werden wird, beispielsweise im verbrauchsstarken Winter.

Womit bereits eine zweite Stärke des Texts angetönt is:

nämlich die Erläuterung und Bebilderung von Größenordnungen beim Gasverbrauch jeweils im Winter- und Sommer-Halbjahr (ebenso der Zusammenhang von Außentemperatur und Gasverbrauch bereits im Februar 2026) bzw. die quantitativen Zusammenhänge von Gasverbrauch und Stromproduktion.

Hochreiters Analyse macht den enormen Überhang des Gaskonsums im Winterhalbjahr augenfällig und deutet danit auf die Wurzel des Übels, die nicht “supply-, sondern demandseitig” zu suchen ist.

Das dabei vermittelte Wissen entspricht zwar dem “gesunden Hausverstand”, ist aber trotzdem nicht selbstverständlich,

scheint es doch sonst niemanden zu geben, der sich der “harten Zahlen” und des reichlich vorhandenen “Datenmaterials” annimmt und sinnvolle Aussagen “herausfiltert”.

Drittens gelingt es dem Autor, quer zu allen bestehenden ideologischen Gräben – quasi exemplarisch – die Probleme der Stromproduktion mit und ohne Gas aufzuzeigen.

So lässt er in einem seiner Säulendiagramme etwa die Fans des PV-Stroms frohlocken, zeigt seine Grafik doch,  dass es – wenig verwunderlich – im Sommer-Halbjahr viel mehr Sonnen-Strom gibt als im Winter-Halbjahr,

was dem Stromnetz in trockenen Sommermonaten zu mehr Stabilität verhelfen könnte

(auf die aktuelle Problematik der Elektrizitätserzeugung durch Laufkraftwerke in einer Dürreperiode wird – wohl aus “strategischen” bzw. Aufmerksamkeits- oder Platzgründen – nicht eingegangen).

Auf die unverzichtbare Rolle von Gas für die Aufrechterhaltung eines Stromnetzes im Winter können die Solar-Freaks wohl verzichten,

dagegen wird diese Passage angeblichen oder wirklichen “Fossil-Freaks” und “Klima-.Leugnern”  Vergnügen bereiten.

Wenn, dann gehört Gregor wohl eher dieser Fraktion an, seine Darstellung ist freilich daten- und nicht ideologisch getrieben.

Kritisch würde dieser Blogger dagegen anführen, dass Hochreiter – im Fahrwasser eines bayerischen “Vloggers” – übermäßig Wert auf die Speicherstände zu legen scheint

und weitgehend einem “pie chart” der E-Control folgt, das suggeriert, dass die 2022 geschaffene “strategische Gasreserve” nicht nur formaljuristisch, sondern auch faktisch von der Bundesregierung in Wien kontrolliert wird.

Dem Verfasser des Texts sei trotzdem zugute gehalten, dass er bereits im Februar und nun erneut darauf hingewiesen hat, dass die als Sedativ verwendete Reserve im Gefolge einer EU-Verordnung problemlos “vergemeinschaftet” (gewissermaßen verstaatlicht) werden kann

und dass es sich daher schon rein rechtlich um einen Versorgungssicherheits-Dummy handelt.

Doch zunächst zur

Füllstands-Fallacy

Es gibt Fälle, in denen der Füllstand von Speichern sehr wohl aussagekräftig sein kann, für eine aus dem Zusammenhang gerissene Schnell-Beurteilung reicht dieser “benchmark” jedoch nicht aus

- und wenn derlei noch so oft glauben gemacht werden soll.

Der Hauptgrund dafür ist, dass das Vorhandensein/Größe von Gasspeichern und der jeweilige nationale Jahresverbrauch extrem stark variieren,

und zwar wegen natürlichen (z.B.geologischen) Gegebenheiten und dem jeweiligen “gewohnheitsmäßigen Gasverbrauch” von Wirtschaft und Gesellschaft

Zwei Extrembeispiele sollen das illustrieren – der Fall Großbritanniens und jener Österreichs.

Das Vereinigte Königreich ist seit gut fünf Jahren nicht mehr Mitglied der EU, aber es eignet sich gut für das Beispiel eines enormen jährlichen Gasverbrauchs bei kaum vorhandenen Speichern.

Die östliche Alpenrepublik ist das “Gegenbeispiel” dazu, mit ihrem geringem “Eigenbedarf”, aber üppigen Speicherkapazitäten.

Es liegt auf der Hand, dass diese Faktoren die Aussagekraft des oft hirnlos heraus trompeteten “Füllstands-Werts” beeinflussen,

das versteht ja sogar ein Volksschüler.

Zunächst also der Fall Großbritannien, zu dem für diesen Blogger leider keine aktuellen Zahlen greifbar sind,

weil dieses eben nicht mehr zur “AGSI-EU” gehört und dementsprechend seit der Jahreswende 2020/21 nicht mehr berichtet.

Zunächst ein (selbst beringelter) “historischer Screenshot” aus der AGSI-Datenbank, wie sich die “Füllstands-Sachlage” am 30.12. 2020 präsentierte.

UK_historisch_2020_21
Screenshot GIE-AGSI

Gemäß den Angaben im “Aggregated System” hatte das UK am letzten Tag seiner Mitgliedschaft, dem 30. Dezember 2020, gut 13 TWh gespeichert und damit einen “Füllstand” von mehr als 91 Prozent erreicht. An besagtem Wintertag waren damit 1,89 Prozent seines Jahresbedarfs auf Lager, was bezogen auf die technisch mögliche Speicherkapaziät lediglich etwas über 2 Prozent ergibt.

Nun die Republik Österreich, die im Gegensaz zum UK (Schottland) selbst kaum Erdgas produziert, die aber exzellente geologische Voraussetzungen für die unterirdische Gaspeicherung hat.

Der gezeigte Screenshot ist ein aktueller vom 2. August 2026, was aber deswegen egal ist, weil es diesem Blogger hier um den Jahresverbrauch bezogen auf das gesamte “working gas volume” geht.

Österreich
Screenshot GIE-AGSI

An diesem Tag waren auf österreichischem Boden 61 TWh eingespeichert, was einem “Füllstand” von 60,9 Prozent entsprach. Der hiesige Jahresverbrauch wird mit 78,2 TWh angegeben und die nächste Spalte weist aus, dass das aktuell gespeicherte Gas etwa 78 Prozent des österreichischen Jahreskonsums entspricht.

Auch hier interessiert freilich nur die “technische Kapazität”, die in Ö.bei 100,3 TWh liegt. Damit übersteigt hierzulande die Speicherkapazität den Jahresverbrauch um mehr als 28 Prozent.

Die Werte der großen kontinentaleuropäischen Staaten liegen dazwischen.

Anbei  ein Screenshot von den Speichermengen in Frankreich, Deutschland und Italien, die am 2. August – bezogen auf den jeweiligen Jahresverbrauch bei 19, 13 und 23 Prozent respektive lagen

(und wieder hat sich dieser Blogger erlaubt, die seiner Meining nach relevanten Werte “rot einzuringeln”; die zweite, (derzeit) grün unterlegte Spalte zeigt den aktuellen Füllstand inmitten der Einspeicher-Saison und die fünfte die aktuelle Menge des “gas in storage” als Prozentsatz des Jahresverbrauchs.)

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Quelle:GIE-AGSI

Wie man anhand der obigen, eher grotesken Extrembeispiele sieht, hängt der oft als objektiver benchmark bemühte Füllstand von “zufälligen Faktoren” ab

und eignet sich per se weder als “objektives Krisensignal” für die Öffentlichkeit, noch als taugliche Grundlage für politische Entscheidungen.

Als Ergänzung für die zugegeben eingängige Prozentzahl wären qualifizierte Einschätzungen von Lieferungen und Verbräuchen in naher Zukunft vonnöten.

Was sehr wohl einen interessanten ersten Hinweis liefern kann, sind freilich “historische Vergleiche”, sofern sich nicht viel mehr verändert hat als z.B. der übliche marginale Ausbau bestehender Speicher.

Dieser Blogger hat sich die Füllstände bei den drei soeben erwähnten großen kontinentaleuropäischen Nationen angesehen und diese um “Austria” vermehrt.

Überall gibt es beim “Füllstand” per 1.August 2026 deutliche Rückgänge, die bei Frankreich am dramatischsten und relativ gering für Italien sind.

Ich habe die Ergebnisse dieser Nachschau in der historischen AGSI-Datenbank in einer Tabelle zusammengefasst.

Füllstand in %, 1.8.26 Füllstand in %, 1.8.25 Veränderung in pp Veränderung in %
Austria  60,85  73,79  - 12,94  - 17,5
France  57,05  77,19  - 20,14  - 26,1
Germany  46,84  61,02  - 14,18  - 23,2
Italy  76,03  80,47  - 4,44  - 5,5

Der Versuch einer Interpretation soll hier unterbleiben.

Angemerkt sei freilich, dass im Fall Deutschlands faktisch wohl zwei Drittel bis drei Viertel der “österreichischen” Speicher zu addieren wären, wie im folgenden Subkapitel erläutert.

“Trugschluss Strategische Reserve”

Die zweite mögliche “fallacy”, die hier thematisiert werden soll, ist die in Österreich weit verbreitete Meinung,

dass der Nationalrats-Beschluss der Schaffung einer strategischen Gasreserve in Höhe von 20 TWh (2022) ein Plus an Versorgungssicherheit für österreichische Haushalte und Unternehmen brächte.

Das ist nach Meinung dieses Bloggers höchstens für Haushalte und Unternehmen im Großraum Linz und evtl. westlich davon der Fall, weil diese Regionen besser an die Gasspeicher von Haidach und Seven Fields angebunden sind.

Die ebenfalls bevölkerungsstarken und industrialisierten Regionen im Wiener und Grazer Becken können bis wenigstens zur Fertigstellung des “WAG-Loops” in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres wohl kaum von einer “strategischen Reserve” in salzburgisch-oberösterreichischen Speichern profitieren.

Man begibt sich an diesem Punkt auf ein zwielichtiges Terrain inmitten von Staats- und Firmengeheimnissen,

was angesichts der Relevanz dieser Frage und der dichten Indizien um die Lokalisierung der “Strategischen Reserve” aber hingenommen werden soll.

Wie es sich für ein echtes Staatsgeheimnis gehört, weiß man nicht viel über die 20 TWh-Reserve,

außer dass sie im “Marktgebiet Ost” an mehreren Orten gelagert wird, was nicht allzu viel besagt:

“Marktgebiet Ost” ist alles außer Tirol und Vorarlberg

und wenn die Verteilung der Reserve den aktuell gespeicherten kommerziellen Gasmengen folgt, liegen mehr als drei Viertel “im Westen des Marktgebiets Ost”, nämlich in Haidach und diversen Speichern von “Seven Fields”.

Das ist insofern “technisch” durchaus wahrscheinlich, als die west-östlichen Speicher viel moderner sind als die östlicheren Lagerstätten bei Gänserndorf und über eine höhere Ausspeicher-Kapazität verfügen.

“Das Problem ist halt nur”, dass diese Speicher faktisch deutsche Speicher sein dürften, obwohl sie

  • auf österreichischem Staatsgebiet liegen und
  • von der E-Control reguliert werden.

Wer die Kunden der jeweiligen Speicherbetreiber sind, weiß man nicht,

aber man darf getrost annehmen, dass sich viele süddeutsche unter ihnen befinden;

und was die “österreichischen Speicherkunden” betrifft, können das ohne weiteres Töchter deutscher Unternehmen sein, die im hiesigen Firmenbuch eingetragen sind.

Dass eine österreichische Traditionsfirma, die heute mehrheitlich der EVN gehört, eine wesentlich Rolle in Haidach spielt, ist kein besonders überzeugendes Argument.

ebensowenig wie der Eigentumsanspruch, den die Republik Österreich auf die unterirdischen Teile dieses Erdgasspeichers erhebt.

Eigentumsansprüche sind nur etwas wert, wenn sie auch durchgesetzt werden können und

Haidach beispielsweise ist nur 30 km von der deutschen Grenze, aber 230 km von Wien entfernt.

Dieser Speicher scheint auch viel besser an das deutsche/EU-Netz angebunden als und die einzige bekannte Hochdruck-Pipeline von dort führt durch das Innviertel zur WAG bei Oberkappel,

an den Beginn jener Strecke, wo gerade der “Lückenschluss” des sg. WAG-Loops stattfndet (oder auch nicht).

Genaueres ist, wie gesagt, unbekannt und wird es wohl auch bleiben,

jedenfalls solange nicht bedingungslos kapituliert wird wie in Deutschland anno 1945 oder

eine bolschewistische Revolution erfolgt wie in Russland 1917.

Vor 30 Jahren, als die Grünen noch kritisch waren und ein profil- bzw. ORF-Redakteur über den “stillen Anschluss (an Deutschland)” schrieb,

machte sich die Öffentlichkeit Sorgen über angeblich Neutralitäts-gefährdende Verstaatlichten-Manager oder die Kolonisierung der hiesigen Wirtschaft durch deutsche Konzerne.

Heute sitzen (saßen) die Grünen in der Regierung und sorg(t)en im Verein mit österreichischen CSUlern für den “stillen Anschluss” auf Regierungsebene,

unter tätiger Mithilfe von “Regierungspartnern”, die man als “populistisch” und impf-faschistoid” bezeichnen kann.

Der Mythos von der Versorgungssicherheit

Dieser Mythos ist in Hofrat Beschwichtels Kreisen allgegenwärtig, scheint unter Offiziellen des Energieministeriums aber besonders verbreitet zu sein. Oder vielleicht schreibt Alfred E. Neumann denen die Aussendungen (“What me….worry?”),

in denen schon mal ignoriert wird, dass

  • die Entspeicher- keine Einspeicher-Saison ist, oder dass
  • sich das “Füllstands-Differential” 2025/26 angeblich österreichischer Speicher seit 1. Mai eher vergrößert als verkleinert (um von einer “Aufholjagd” erst gar nicht zu reden zu beginnen).
  • Hr. Hattmannsdorfer (oder Alfred E. Neumann) erklärt auch, dass wg. Doppelbudget die Finanzierung/”Absicherung” der Gasreserve (Speicher-Miete?) bis 2027/28 stehe, was sicher auch alle Unken froh stimmt, die davon ausgehen, dass das Gros dieser Reserve an Orten liegt, die a) schlecht an das hiesige Gasnetz angebunden sind b) von NATO-Militär binnen kürzester Zeit eingenommen werden können.
  • (auf die ministeriellen Erklärungen zu den Mitteldestillaten kann/soll hier nicht eingegangen werden, weil  der vorliegende Eintrag a) thematisch nicht passt und es b)ohnedies zu früh ist, weil die Ukraine erst begonnen hat, Noworossijsk so richtig auf’s Korn zu nehmen, wo das in Triest anlandende kasachische Erdöl verladen wird.)

Aber gut, wie man oben gesehen hat, ist “Füllstand” nicht alles und vlt. weiß das Ministerium ja,

dass demnächst ein paar LNG-Tanker im Ölhafen Lobau anlegen, woraufhin deren regasifizierte Ladung nach Tallesbrunn oder Schönkirchen geschafft wird.     ;-)

Im Ernst, wie man dieser interaktiven Grafik der E-Control entnehmen kann, sind Österreichs Wirtschaft & Gesellschaft spätestens seit der Jahreswende 2024/25 vom russischen Gas unabhängig

- vom deutschen/westeuropäischen Gas dafür aber umso abhängiger.

Da die Uniaun aber kaum eigenes Gas produziert – Statistical Review 2026, S. 47 – handelt es sich beim von D exportierten CH4 primär um

zugekauftes norwegisches und US-amerikanisches Gas, das im ersten Halbjahr 2026 44 Mrd. Kubikmeter oder 27 Prozent aller diesbezüglichen  EU-Importe ausgemacht hat.

Noch liefern die Norweger ein bisserl mehr als die Amis,

aber unsicherer sind zweifellos die LNG-Lieferungen von jenseits des großen Teichs,

trotz all der schönen neuen Export-Facilities, die am Golf von Mexiko, pardon, Amerika entstanden sind.

Das ist nicht nur wegen der bekannt unterschiedlichen Tagesverfassungen ihres Präsidenten so, sondern auch, weil Bevölkerungszentren in Kalifornien, Florida und Texas selbst demnächst selbst Gas benötigen und auf die Ausdünstungen des rückläufigen Permian-Öls ganz gamsig sein werden.

Aber gut, wenn das die Amis allgemein und die Permian-Driller selbst nicht wissen (wollen), warum sollen Michels aus Berlin, München oder Wien das gneißen?

Unabhängiger Journalist

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