Schwach gefüllte Gasspeicher – Wird der Winter zur Zitterpartie?

Mit Ende Juli sind bereits vier der sieben Monate zur Auffüllung der Gasspeicher vergangen. Der Füllstand hinkt jenem des Vorjahrs deutlich hinterher, in Österreich bereits um rund 12,5 Prozentpunkte. Besteht deswegen Grund zur Sorge für den kommenden Winter? Einige Szenarien deuten darauf hin, dass ohne milde Temperaturen, mit viel Wind und Regen im Frühjahr 2027 die Gasversorgung zur Zitterpartie werden könnte. Von Gregor Hochreiter.

Das Gasjahr folgt einem klaren Rhythmus. Von November bis März leeren sich die Speicher, von April bis Oktober werden sie aufgefüllt. Im Schnitt der Jahre 2015–2025 veränderte sich der Füllstand der Gasspeicher in Österreich wie folgt.

Speichersaldo-Tabelle

Es überrascht nicht, dass der Gasverbrauch im Jahresverlauf stark schwankt. Im Winterhalbjahr (Oktober–März bzw. 4. und 1. Quartal) fallen in Österreich mehr als zwei Drittel des Gasverbrauchs an, infolge des Heizbedarfs und der saisonalen Verstromung von Gas.

Im Sommerhalbjahr (April–September bzw. 2. und 3. Quartal) wird folglich weniger als ein Drittel des Jahresbedarfs an Gas verbraucht.

Chart_Gasverbrauch HJ

Aktueller Füllstand im historischen Vergleich

Die folgende Abbildung vergleicht den Füllstand im laufenden Kalenderjahr mit dem Vorjahr, dem langjährigen Durchschnitt (2015–2025) sowie mit 2016. Da in Österreich die im europäischen Vergleich sehr großzügig bemessenen Gasspeicher eine maximale Kapazität von etwas über 100 TWh aufweisen, entspricht ein Prozent(punkt) rund 1 TWh.

2016 eignet sich aufgrund des ähnlichen Füllstandminimum von 35,6%, heuer waren es 34,0%, als Vergleichsjahr. Dagegen betrug etwa 2024 das Minimum 73,1%. Ein ähnliches Auffülltempo ist bei einem deutlich höheren Ausgangsniveau nicht zu erwarten.

Zudem entspricht der maximale Füllstand von 90,6% im Jahr 2016 zufällig auch den aktuell gültigen EU-rechtlichen Vorgaben. EU-rechtlich muss im Zeitraum zwischen 1. Oktober und 1. Dezember in jedem Mitgliedsstaat ein Füllstand von 90% erreicht werden.

Bei schwierigen Marktbedingungen wie hohen Preisen oder Versorgungsproblemen genügt ein Füllstand von maximal 80 Prozent. Weitere 5 Prozentpunkte Flexibilität kann die EU-Kommission zusätzlich gewähren.

Die Erfüllung abgesenkter rechtlicher Vorgaben ändert allerdings nichts an einer faktisch schlechteren Versorgungslage – und allein diese ist entscheidend, ob Wohnungen geheizt, Strom erzeugt und Industriebetriebe arbeiten können.

chart_füllstände

Die Abbildung zeigt zweierlei:

  • Die Gasspeicher sind aktuell deutlich schlechter gefüllt als in den Vergleichsjahren.
  • Die Einspeicherungsrate ist seit Anfang Mai geringer als in den Vergleichsjahren.

Welcher Füllstand ist Ende Oktober realistisch? – 3 Szenarien

Die Einspeicherperiode läuft noch drei Monate bis Ende Oktober. Ausgehend vom Füllstand von etwas über 60% per 29. Juli soll anhand historischer Einspeicherungsraten eine Abschätzung des Gasspeicherstands per Ende Oktober vorgenommen werden.

Mit Ausnahme von 2022 wurde in jedem November seit 2015 netto bereits Gas den Speichern entnommen, auch wenn der höchste Füllstand mitunter erst in den ersten Novembertagen erreicht wurde. Dieser überstieg die Werte per Ende Oktober allerdings nur marginal.

Für die Prognose werden vier Vergleichsjahre herangezogen:

  • das Vorjahr;
  • 2016, das Jahr mit einem ähnlichen Ausgangsfüllstand wie heuer;
  • ein Szenario auf Basis der jeweils stärksten Zunahme des Speicherstands in der Periode 2015–2025 für jedes der kommenden drei Monate August, September und Oktober („schnellste Einspeicherung“). Das war für den August und den September das Jahr 2017 und für den Oktober das Jahr 2022. Der letzte Monatsrekord wurde somit sogar nach Sprengung der Nord-Stream-Pipelines erzielt;
  • Ein letztes Szenario zieht die jeweils geringste Zunahme pro Monat heran („langsamste Einspeicherung“). Für den August war das das Jahr 2020, für den September das Jahr 2024 und für den Oktober 2016, wobei im September 2024 der Füllstand marginal nachgab, im Oktober 2016 sogar um 2,7 Prozentpunkte.

Szenarien_Säulendiagramm_Gregor

Nimmt die weitere Einspeicherung dieselbe Entwicklung wie im Jahr 2016, würden die Speicher Ende Oktober mit 97,8% nahezu randvoll sein. Im besten Szenario – „schnellste Einspeicherung“ – würde die 100%-Marke theoretisch sogar übertroffen werden. In beiden Szenarien würde damit die EU-Vorgabe eines Füllstands von 90% im Laufe des Oktobers und Novembers erfüllt werden.

Erreicht wie im Vorjahr der Füllstand der Gasspeicher bereits Ende September sein Maximum auf Monatsbasis, würde sich lediglich ein maximaler Füllstand von 71,6% per Ende September ergeben. Ende Oktober würde bereits ein Rückgang auf 70,4% verzeichnet werden. Die EU-Vorgaben würden damit klar verfehlt werden.

Verläuft die weitere Befüllung der Gasspeicher historisch langsam, wären die Gasspeicher Ende Oktober nur zu 57,5% gefüllt und würden ihr Maximum bereits Ende August mit lediglich 60,2% erzielt haben. 2025 betrug der Speicherstand Ende Oktober 82,9%.

Eines scheint jedoch sicher. Die Befüllung der Gasspeicher verursacht deutlich höhere Kosten als im Vorjahr. Ende Juli befindet sich der TTF-Gas-Future fast 100% über dem Vorjahresniveau von rund 33 EUR.

Im Vergleich zu den Jahren vor 2019 bewegt sich der TTF-Gas-Future auf einem rund 250% höheren Niveau. Im Vergleich zu russischem Pipelinegas ist der Preisanstieg noch deutlich ausgeprägter, auch wenn offizielle Zahlen zu den vertraglich vereinbarten Preisen nicht bekannt sind.

ttf_future_linienchart

Wie viel Gas benötigen wir im Winter?

Ob die Gasspeicher für den kommenden Winter reichen werden, hängt von vielen Faktoren ab; nachfrageseitig insbesondere von den Durchschnittstemperaturen, aber auch vom Ausmaß der Gasverstromung; angebotsseitig von der Verfügbarkeit hinreichend großer laufender Gaslieferungen.

Angesichts des Ukraine-Krieges und des Konflikts am Persischen Golf mit jeweils gezielten Angriffen auf die Energieinfrastruktur sowie der fortlaufend zunehmenden Sanktionierung von Energieimporten aus der Russischen Föderation ist die Versorgungslage angespannt. Der Fokus der folgenden Berechnung liegt auf der Nachfrageseite.

Keine Überraschung ist der positive Zusammenhang zwischen Durchschnittstemperatur und dem Rückgang des Gasspeicherstandes im Winterhalbjahr (Oktober–März). Die vergangenen 11 Winterhalbjahre wiesen eine Durchschnittstemperatur von 4,0 °C und einen durchschnittlichen Rückgang der Gasspeicher um 42,5 Prozentpunkte auf.

Die Schwankungsbreite ist erheblich. In den beiden mit einer Durchschnittstemperatur von 5,0 °C mildesten Winterhalbjahren 2015/16 und 2019/20 ging der Füllstand um 37,2 bzw. nur 26,8 Prozentpunkte zurück. Im Winter-Halbjahr 2022/23 betrug der Rückgang bei einer Durchschnittstemperatur von 4,7 °C sogar nur 12,6 Prozentpunkte. Im mit 2,5 °C kältesten Winter-Halbjahr 2017/18 fielen die Füllstände hingegen um 68,0 Prozentpunkte.

veränderung_GasFüllstand_Säulenchart

Allerdings erklärt die Durchschnittstemperatur nur knapp mehr als ein Drittel des saisonal bedingten Rückgangs des Speicherstands. Dennoch ist die Durchschnittstemperatur der einfachste und beste Indikator, um den Gasverbrauch im Winterhalbjahr grob abzuschätzen.

korelation_füllstand_temperatur

Die Gasverstromung als Zünglein an der Waage?

Nach dem Ausstieg aus der Kohleverstromung im April 2020 stellt die Gasverstromung in Österreich die letzte größere nicht witterungsbedingte Stromerzeugungsquelle dar. Mit über 90% an der Bruttostromerzeugung sind die Erneuerbaren in Österreich, allen voran die Wasserkraft, das Rückgrat der österreichischen Stromerzeugung.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass bei einer witterungsbedingten Minderproduktion der Erneuerbaren neben dem Import aus dem Ausland die Gasverstromung einspringen muss. Rund 80% des im Jahresverlauf an Gaskraftwerke abgegebenen Erdgases fällt im Winterhalbjahr an, 2024 und 2025 waren es sogar deutlich mehr. Ein Trend zu einer geringeren Gasverstromung ist im Sommerhalbjahr erkennbar, im Winterhalbjahr trotz des
Ausbaus der Windenergie hingegen nicht.

Die Bandbreite des Gasbedarfs für die Stromproduktion bewegte sich in den vergangenen Winterhalbjahren meist um die 15 TWh. Mit lediglich 10,6 TWh stellt das Winter-Halbjahr 2023/24 einen kleinen Ausreißer nach unten dar.

Der Höchstwert von 18,7 TWh stammt aus dem Winter-Halbjahr 2016/17. Im vergangenen Winter-Halbjahr wurden 16,4 TWh verstromt. Das entspricht ziemlich genau 16,4 Prozentpunkten bzw. 16,4% der maximalen Gasspeicherkapazität in Österreich und damit rund 20% des durchschnittlichen jährlichen Gasverbrauchs in Österreich.

abgabe_an_Gaskraftwerke

Das Verhältnis zwischen Gas als Input und Strom als Output beträgt dabei rund 2:1. 2 TWh Gas ergeben 1 TWh Strom. Somit wurden in den Winterhalbjahren seit 2015/16 durch Gasverstromung im Schnitt 6,9 TWh an Strom produziert.

Die Bandbreite reicht von 4,5 TWh im Winter-Halbjahr 2023/24 bis 8,5 TWh im Winter-Halbjahr 2021/22. (Anm.: Die Stromproduktion je nach Stromquelle wird einheitlich auf der y-Achse bis 20.000 GWh skaliert, um optische Verzerrungen hinsichtlich der relativen Bedeutung der jeweiligen Stromquelle zu vermeiden.)

stromproduktion_gas_nach_HJ_Säulen

Grundsätzlich ist der Anteil der Erneuerbaren (Lauf- und Speicherwasser, Wind, Solar, Biomasse) an der österreichischen Stromproduktion sehr hoch. Es bestehen jedoch deutliche Unterschiede zwischen Sommer und Winter.

stromproduktion_halbjahre_Säulen

Im Winter-Halbjahr muss Gas die Lücke füllen, die insbesondere Laufwasser und Solar öffnen.

Laufwasser_Säulen

stromproduktion_solar_HJ_Säulen

Wind liefert hingegen im Winterhalbjahr mehr Strom als im Sommerhalbjahr. Im langjährigen Vergleich ist die Stromproduktion durch Windkraft trotz des deutlichen Ausbaus nicht gestiegen. Das Winter-Halbjahr 2023/24 war ein Ausreißer nach oben.

stromproduktion_wind_säulen

Die Schwankungen im Tages-, Wochen und Monatsverlauf sind erheblich. Exemplarisch hier die Stromproduktion aus Wind für die zweite Jännerwoche 2026.

nettostromerzeugung_jänner_2026

Auch wenn die Menge an zur Stromerzeugung genutzten Gases 2025 deutlich unter dem Höchstwert von 2019 lag, so war diese spürbar höher als 2015, aber auch als 2023 und 2024.

Abgabe_Gaskraftwerke_Tabelle

Zwischenfazit: Trotz des massiven Ausbaus von Wind- und Solarenergie ist der Gasbedarf für die Gasverstromung weiterhin erheblich. Die Beendigung der Kohleverstromung im Frühjahr 2020 hat diese Abhängigkeit von Gas als einzige nennenswerte nicht witterungsabhängige Energiequelle verstärkt.

 Erreichen die Füllstände im Frühjahr 2027 ein kritisches Niveau?

Basierend auf den historischen Werten für die Einspeicherung und die Ausspeicherung können Szenarien für die Höhe des Gasspeicherstandes per Ende März 2027 entwickelt werden.

Dazu noch zwei Bemerkungen. Im November 2022 wurde in Österreich eine „Strategische Gasreserve“ in Höhe von 20 TWh (ca. 20% der verfügbaren Gasspeicherkapazitäten in Österreich bzw. 20 Prozentpunkte) eingerichtet. Diese wurde erst vor Kurzem bis 1. April 2029 verlängert.

Politisch kritisch wird die Versorgungslage in Österreich bei einer Annäherung an diese Marke, weil deren Freigabe einen politischen Beschluss voraussetzt.

Versorgungstechnisch besteht selbst bei Erreichen dieser Marke noch kein Grund zu erhöhter Besorgnis. Die 20 TWh an strategischer Gasreserve entsprechen rund einem Viertel des Jahresverbrauchs Österreichs. Dieser schwankte in den vergangenen Jahren erheblich zwischen etwas über 100 TWh im Jahr 2021 und knapp 76 TWh im Jahr 2024. 2025 lag der Verbrauch bei etwas über 82 TWh.

Wie bereits in einem frühen Artikel im Februar erwähnt, stehen die im europäischen Vergleich sehr hohen Gasspeicherkapazitäten in Österreich allerdings österreichischen Kunden bei Weitem nicht in vollem Umfang zur Verfügung.

Anders gesagt: Die Gasreserven in Österreich sind nicht mit den österreichischen Gasreserven gleichzusetzen. Die Diskrepanz ist sogar erheblich.

Per 21. Juli waren 58,9 TWh in Gasspeichern in Österreich eingespeichert. Davon entfallen20 TWh auf die strategische Gasreserve. Mit 24,1 TWh war der größte Anteil im Eigentum von nicht-österreichischen Speicherkunden. Das entspricht unter Ausklammerung der strategischen Gasreserve mehr als 60%. Österreichische Speicherkunden stehen direkt und unmittelbar nur 11,4 TWh zur Verfügung.

Theoretisch kann dieses Gas an österreichische Kunden weiterverkauft werden, das trifft mit umgekehrten Vorzeichen jedoch auch auf die nicht-immunisierten Mengen österreichischer Speicherkunden zu.

Eigentumsverhältnisse_pie_chart

Selbstverständlich wird der laufende Gasbedarf nicht ausschließlich aus den Gasspeichern bestritten. Denn auch im Winter fließt Gas nach Österreich. Gasexporte können aus den Gasspeichern erfolgen, und zwar aus jenen Reserven, die ohnehin für die Nutzung durch ausländische Gaskunden vorgesehen waren.

Ein Gasexport bedeutet somit nicht zwingend, dass für österreichische Kunden weniger Gas vorhanden ist. Das gilt auch für Gasimporte, die auf das Konto von nicht-österreichischen Speicherkunden erfolgen können.

Nettoimporte_Inlandsgasverbrauch

Und auch die strategische Gasreserve steht nicht exklusiv österreichischen Kunden zur Verfügung. Eine Solidaritätsklausel sieht vor, dass die strategische Gasreserve für Drittstaaten verwendet werden kann. Durchschnittlich benötigt Deutschland im Jänner und Februar täglich rund 4 TWh Gas, im März etwas weniger als 3 TWh, naturgemäß ebenfalls stark abhängig von den vorherrschenden Temperaturen und dem Gasverstromungsbedarf.

Angesichts des deutschen Gasbedarfs ist die strategische Gasreserve Österreichs nicht mehr großzügig bemessen, sondern deckt lediglich den deutschen Bedarf von rund einer Woche ab. Mit rund 46,5% sind die Gasspeicher in Deutschland per Ende Juli so niedrig befüllt wie noch nie seit 2011.

Der Füllstand liegt damit mehr als 13 Prozentpunkte unter dem Vorjahresniveau, mehr als 21 Prozentpunkte unter dem Niveau von 2022 mit ähnlicher Ausgangslage und 25 Prozentpunkte unter dem langjährigen Durchschnitt. Auf den Tiefstand im heurigen Februar umgelegt, würde der Füllstand in Deutschland bereits Ende Jänner 2027 unter 20% fallen, Mitte Februar unter 10%.

Füllstand_D_Liniengrafik

Eine Entlastung der strategischen Gasreserve Österreichs würde die Einrichtung einer ebensolchen strategischen Gasreserve in Deutschland bringen. Erste Pläne dafür wurden Anfang Juli vorgestellt. Eine erstmalige Befüllung ist jedoch erst frühestens im Sommer 2027 realistisch.

Sämtliche Berechnungen beziehen sich somit auf die in Österreich eingespeicherten Gasreserven, die nicht zu verwechseln sind mit jenen Gasreserven, die österreichischen Kunden zur Verfügung stehen.

Die folgenden Szenarien kombinieren drei der oben vorgestellten vier Einspeicherungsszenarien mit den Berechnungen zu drei Ausspeicherungsszenarien abhängig von der Durchschnittstemperatur. 

Die Szenarien für das Winterhalbjahr 2026/27

Nun zu den einzelnen Szenarien, abhängig vom Füllstand am Ende der Einspeicherungsperiode Ende Oktober und der Durchschnittstemperatur des kommenden Winters. Beim Szenario „schnellste Befüllung“ wurde der Füllstand bei 100% gekappt.

Farblich hervorgehoben ist in sattem Rot der Fall nicht ausreichender Gasreserven, inklusive Ausnutzung der gesamten strategischen Gasreserve exklusiv für Österreich. In leichtem Rot sind jene Szenarien markiert, in denen auf die strategische Gasreserve zurückgegriffen werden muss, diese aber, sofern sie ausschließlich für österreichische Kunden genutzt wird, ausreicht.

Szenarien_Tabellen

Ein durchschnittlicher Winter würde nur dann zu Problemen führen, wenn sich die Gasspeicher nicht mehr weiter füllen. Das ist allerdings höchst unwahrscheinlich.

Bei einem kalten Winter ist ein Füllstand Ende Oktober von fast 90% vonnöten, um nicht aufdie strategische Gasreserve zurückgreifen zu müssen. Dazu müsste in den verbliebenen 3 Monaten der Einspeicherung der Füllstand jeden Tag durchschnittlich um 0,33 Prozentpunkte zulegen. Im Juli betrug der tägliche Füllstandzuwachs im Schnitt allerdings nur 0,2 Prozentpunkte, im Juni und Mai jeweils rund 0,25 Prozentpunkte sowie im April nicht einmal 0,16 Prozentpunkte.

Seit Beginn der Einspeicherungsperiode beträgt der Schnitt ziemlich genau 0,2 Prozentpunkte pro Tag. Hochgerechnet auf die restliche Einspeicherungsperiode ergibt das einen Füllstand von rund 78% bis Ende Oktober. Ein kalter Winter wie 2017/18 hätte zur Folge, dass auf diestrategische Gasreserve zurückgegriffen werden müsste.

fortschreibung_einspeicherung_Tabelle

Zu bedenken ist, dass eine witterungsbedingte überdurchschnittliche Gasverstromung aufgrund unterdurchschnittlicher Wasserpegel und anhaltender Schwachwindphasen allerdings der berühmte Tropfen sein kann, der das Fass zum Überlaufen bringt bzw. in diesem Fall, der die Gasspeicher entleert.

Mit 3,3 TWh im langjährigen Mittel 2015–2025 benötigt die Gasverstromung im Jänner am meisten Strom. Der relative Anteil des Gasverbrauchs durch Gasverstromung am gesamten Gasverbrauch fällt in den Monaten des Winterhalbjahres erheblich ins Gewicht.

Monatsdurchschnitt_Gaskraftwerke_Tabelle

Der absolute Mehrverbrauch im Falle einer überdurchschnittlichen Gasverstromung wäre überschaubar, insbesondere bezogen auf den gesamten Füllstand, d. h. inklusive strategischer Gasreserve. Der höchste monatliche Gasbedarf für die Gasverstromung datiert mit 4,1 TWh aus dem Jänner 2020. Das waren gerade einmal 0,8 TWh mehr als im langjährigen Durchschnitt für den Jänner.

Bezogen auf die tatsächlich für österreichische Kunden ohne politischen Beschluss zur Freigabe nutzbare Gasmenge machen einige wenige TWh über den gesamten Winter hinweg allerdings dann doch einen großen, womöglich den entscheidenden Unterschied.

Per Mitte Juli standen österreichischen Kunden nur etwas mehr als 11 TWh, inklusive immunisierter Mengen knapp 15 TWh zur Verfügung. In den vergangenen 11 Winter-Halbjahr wurden durchschnittlich 15,5 TWh verstromt, bei einer Bandbreite von mehr als 8 TWh.

Fazit

Der kommende Winter könnte durchaus – wieder – zur Zitterpartie werden. Aktuell liegt der´Füllstand im Vergleich zum Vorjahr um fast 13 Prozentpunkte niedriger, im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt um mehr als 7 Prozentpunkte und im Vergleich zu 2016 mit ähnlicher Ausgangslage um 13,5 Prozentpunkte niedriger – mit ansteigender Tendenz. 

„Wieder“ deswegen, weil bereits in diesem Frühjahr nur ein milder März eine kritische Versorgungslage in Deutschland mit einem wahrscheinlichen Übergreifen auf Österreich verhindert hat.

Die obigen Berechnungen haben nur den Anspruch, eine grobe Einschätzung zu geben. Einige große Risikofaktoren blieben unberücksichtigt.

Der größte nachfrageseitige Risikofaktor für die Gasreserven in Österreich neben den gänzlich unbeeinflussbaren Witterungsbedingungen ist der Gasspeicherstand Deutschlands. Infolge der geographischen Nähe und der direkten Pipelineanbindung zwischen Österreich und Deutschland müsste Österreich im Falle einer Gasmangellage in Deutschland die strategische Gasreserve dem nördlichen Nachbarn zur Verfügung stellen.

Diese 20 TWh sind in einem solchen Fall schnell aufgebraucht. Im milden März 2026, dessenDurchschnittstemperatur von 6,3 °C um 1,7 °C über dem Klimamittel 1991–2020 lag, verbrauchte Deutschland pro Tag 2,7 TWh, im Februar waren es mehr als 3,5 TWh gewesen und im Jänner knapp 4,5 TWh. Bei einer exklusiven Deckung durch die strategische Gasreserve Österreichs wäre diese in wenigen Tagen aufgebraucht.

2025 hat die Gasverstromung 11,9% zur gesamten deutschen Stromerzeugung beigetragen. Das entspricht einer Stromproduktion von knapp 50 TWh, wofür rund 100 TWh Gas vonnöten sind. Im Jänner 2026 waren es sogar etwas über 20%.

Bemerkenswerterweise baut Deutschland neben der 2022 errichteten „Sicherheitsplattform Gas“ eine „Sicherheitsplattform Strom“ auf. Damit soll im Falle einer Strommangellage analog zu einer Gasmangellage die strukturierte Abtrennung von Verbrauchern vom Stromnetz organisiert werden. Der niedrige Gasspeicherstand bedroht eben auch die Stromversorgung.

Auch europaweit (EU + Serbien, Ukraine, Großbritannien) sind die Gasspeicherstände aktuell deutlich niedriger als im Vergleich zum Vorjahr (ca. -11 Prozentpunkte), zum Vergleichsjahr 2017 mit ähnlicher Ausgangslage (ca. -5 Prozentpunkte) und zum langjährigen Durchschnitt (ca. -15 Prozentpunkte). Auffällig ist, dass auch europaweit das Einspeicherungstempo deutlich schwächelt.

Füllstände_Europa_Liniengrafik

Die politische Lage im Nahen Osten und in der Ukraine stellt insbesondere angebotsseitig einen erheblichen Risikofaktor dar. Die Angriffe auf die Energieinfrastruktur sowie auf die Schifffahrtswege haben das Potenzial, den Energiemarkt in ein markantes Ungleichgewicht zu stürzen. Die zum Teil erheblichen Schäden an der ukrainischen Gasinfrastruktur sowie der markant gestiegene Gasimport aus Westeuropa wirken sich aber auch nachfrageseitig aus.

Zudem sollen im Laufe des nächsten Jahres die russischen Gasimporte völlig eingestellt werden. Die aktuell rekordhohen LNG-Importe aus Russland belegen die angespannte Versorgungslage in der EU, auch wenn die absoluten Mengen der russischen LNG-Importe überschaubar sind.

Ein regulatorisch bedingtes Versorgungsrisiko speist sich in der EU durch die Methanverordnung, die ab dem Jahreswechsel verschärft wird. Die USA und Katar hatten angedroht, im Falle einer Anwendung der Verordnung die Gasexporte in die EU einzustellen. Die EU-Kommission hat die Mitgliedsstaaten allerdings angewiesen, bis inklusive 2029 auf die vorgesehenen hohen Strafzahlungen von bis zu 20% des Jahresumsatzes bei einem Verstoß zu verzichten.

Kurzum: Die Abhängigkeit Österreichs – aber auch der EU – von günstigen Wetterbedingungen nimmt mit dem verstärkten Fokus auf witterungsabhängige Energiequellen im Rahmen der Energiewende weiter zu.

Günstig ist eine Witterung hinsichtlich der sicheren Versorgung mit Erdgas dann, wenn das Winterhalbjahr überdurchschnittlich warm sowie regen- und windreich ist. Schneefall wäre im Winterhalbjahr im Unterschied zu Regen kontraproduktiv, da Schneefall erst mit Einsetzen der Schneeschmelze die Stromproduktion der Laufkraftwerke erhöhen kann. Eine stotternde Konjunktur schont aufgrund der sinkenden industriellen Nachfrage ebenfalls die Gasspeicher.

Somit verfestigt sich das Prinzip Hoffnung immer mehr zum energiepolitischen Fundament. Im Herbst 2022 hatte der damalige deutsche Wirtschaftsminister diese neue und völlig unbeeinflussbare Abhängigkeit dahingehend kommentiert, dass Deutschland „ein bisschen Glück mit dem Wetter“ benötige, im Dezember 2022 gab er zu, dass er froh darüber wäre, wenn „der Winter nicht so knackig kalt wird“.

Angesichts der dramatischen Auswirkungen eines Gasmangels auf die Wirtschaft und die Gesundheit der Bürger handelt es sich bei dieser energiepolitischen Kehrtwende um ein Spiel mit dem Feuer – besser gesagt: mit dem Ausgehen des Feuers –, mit potenziell desaströsen Folgen.

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