Während alle Welt inklusive diverser Experterl gebannt auf den für physische Lieferungen eher irrelevanten Futures-Preis für Rohöl starrt, spielt sich die wahre Tragödie von “neuem Golfkrieg” bzw. “Peak Oil” gewissermaßen hinter einem Vorhang aus Verschweigen und Nichtverstehen ab. Das große Thema ist nicht Derivativpreis und nicht einmal “Crude per se”, sondern der dramatische Verlust von Rohöl, das für die Herstellung von Diesel und Kerosin taugt. Das gilt auch für die EU mit ihrem “hohen Diesel-Anteil”. Meldungen, dass “Europa” Öl von hinter der Straße von Hormuz durch US- und “westafrikanische” Lieferungen ersetzt habe,
führen in die Irre, weil die USA und Nigeria hauptsächlich wenig-dieselfähiges “Light-Crude” liefern. Vor allem die nicht-chinesischen Asiaten haben hier freilich ein noch größeres Problem als “Europa”.
Die Asiaten haben trotz eines vergleichsweise niedrigeren “Mitteldestillats-Anteil”
deswegen ein größeres Problem, weil
- die von ihnen für Mitteldestillate benötigte absolute Menge mehr als doppelt so hoch ist als jene “Europas” (12,5 mmbd statt 5,6 mmbd) und
- weil ihre Abhängigkeit von “middle grade crudes” aus der Kriegsregion am Golf noch größer ist.
Die freilich ist schon in Europa beträchtlich, stärker als es der erste Anschein vermuten lässt.
Auf den ersten Blick bezog die EU im vergangenen Jahr weniger als 15 Prozent ihrer Rohölimporte aus Ländern “hinter der Straße von Hormuz”.
Der Rat hat die EU-Importstruktur 2025 auf dieser Seite aufgeschlüsselt. Demnach haben die beiden weitaus größten Lieferanten aus dem Golf, Saudiarabien und der Irak, zusammen nur 54,9 Millionen Tonnen oder 12,6 Prozent aller Rohölimporte der Union geliefert,
was zunächst noch nicht besonders schlimm klingt, denn
solche Mengen und Prozentsätze sollten leicht zu ersetzen sein
(die wegen der “Selbstmordsanktionen” zu ersetzenden Mengen und Anteile der Russischen Föderation waren viel höher).
“Der Teufel liegt freilich im Detail.”
Wie uns das ifo hier informiert, stammen mehr als 25 Prozent der von der EU importierten mittelschweren Öle von “hinter der Straße von Hormuz” (figure 5, page 5)
- was ein relevanter Anteil/eine relevante Menge sind, etwa doppelt so hoch wie der Anteil der “allgemeinen Crude-Lieferungen” aus dieser Region.
Erschwerend kommt im Fall “Europas” noch dazu, dass
- Brüssel & Co. erst vor kurzem das mittelschwere Rohöl Russlands sowie dessen Diesel-Lieferungen (“Produkte”) quasi von der Bettkante gestoßen hat und dass die Europäer mit ihrer selbst gemachten Diesel-Lastigkeit heute daher mittelschwere Öle benötigen wie nie zuvor.
- die restlichen Crude-Lieferanten der Union überwiegend Leichtöl liefern wie beispielsweise die US-Amerikaner und die Nord- und “Westafrikaner” (= Nigerianer). Norwegen hat – offenbar von Hellsicht gesegnet – die Produktion von dieselfähigem “medium” und “medium sour crude” von 2019 bis 2024 von 0,3 auf 0,9 mmbd verdreifacht, während im gleichen Zeitraum die Produktion von nur bedingt dieselfähigem “Light & Sweet” um gut 10 Prozent zurückgegangen ist (ENI, World Energy Review 2025, p. 101; dieser Blogger glaubt ja eher, dass nicht die Norweger in die Zukunft sehen konnten, sondern ihre Kunden, die Kriegstreiber in London und Brüssel, die anscheinend schon 2019 wussten, dass “Putin” Anfang 2022 die Ukraine “völlig unprovoziert überfallen” werde, weswegen man sanktionsbedingt auf die längeren Molekülketten des Russen-Öls verzichten werde müssen
) - Mehr als jede andere Weltregion produziert die Union praktisch kein eigenes Öl, nämlich dermaßen, dass sie heute ca. 97 Prozent ihres Erdölbedarfs importieren muss. Natürlich muss “Europa” heute auch mehr als 90 Prozent seines Gasbedarfs importieren. Bei der Kohle ist es etwas besser, was freilich primär darauf zurückzuführen ist, dass der Einsatz von Kohle sukzessive verboten wird, weswegen es immer weniger Eigenbedarf gibt und sich die Selbstversorgung mit dem Bedarf einen “race to the bottom” liefert; siehe dazu die entsprechenden Kapitel in der “Statistical Review 2026″). Dafür ist “Europa” in Sanktionen und Erneuerbare Energie absolute Weltspitze.
Wie dem immer sein mag
- Faktum bleibt, dass in Asien-Pazifik etwa zehn Mal mehr Menschen leben als in Europa
- und dass diese schiere Menge bedeutet, dass die Asiaten-Pazifiker mehr als doppelt so viel mittelschweres Öl benötigen als die 500 Mio. Europäer, siehe Energy Institute, Statistical Review of World Energy 2026, pp. 38 und 39).
- Blöderweise ist Asien-Pazifik stärker noch als “Europa” auf die mittelschweren Öle der “Länder hinter der Straße von Hormuz” angewiesen, siehe etwa hier.
- Eine gewisse Ausnahme dazu ist einmal die Volksrepublik China, von deren “teapot-Raffinerien” auch andere in der Region profitieren dürften (der echte Inlandsverbrauch in der “PRC” selbst ist deutlich niedriger als der in der Statistical Review 2026 p. 36 verzeichnete chinesische Gesamtkonsum von etwa 17,5 mmbd. Der gehypte jüngste Rückgang der chinesischen Ölkäufe dürfte auch weniger mit dortiger “E-Mobilität” und mehr mit einer Art “Käuferstreik” durch die dortigen “teapot-Raffinerien” zu tun haben. Bei diesem Riesenland kommt noch dazu, dass dort mehr als 4 mmbd selbst gefördert werden und aus Russland sowie aus dem “sanktionierten Iran” importiert wird (wurde), in beiden Fällen vermutlich mittelschwere Ölsorten. Die zweite positive Ausnahme sind Indonesien und Malaysia, die zwar keine “Nettoexporteure” mehr sind (wie zumindest Indonesien früher), die immerhin aber noch 0,5 – 0,6 mmbd Öl selbst produzieren und deren Importe im Fall Indonesiens nur zu einem geringen Prozentsatz aus der Kriegsregion am Golf kommen. Wirklich schlimm schaut’s dagegen in Japan und vielen ASEAN-Staaten aus, deren Versorgung mit (schwererem) Öl oft zu 90 Prozent vom Arabischen/Persischen Golf abhängig ist.
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