
Wie wenigstens ein jüngerer Propagandaforscher beschrieben hat – siehe hier und hier -, zählt die NATO die “kognitive Kriegsführung” mittlerweile zu einem der großen “Schlachtfelder”, gleichberechtigt neben dem von klassischen Waffengattungen abgedeckten Land-, See- und Luftkrieg – und wovon die NATO ausgeht, sehen augenscheinlich auch deren Widersacher ähnlich, deren Militärdoktrinen weniger “öffentlich zugänglich” sind, also z.B. die Russische Föderation. Ein solches Vorgehen bringt direkte und indirekte Staats-Lügen bzw -Teilwahrheiten mit sich (die indirekten sind “glaubwürdiger”). Nicht weil “der Westen” keine Staatslügen verwendet – er tut es -, sondern, weil russische speziell unglaubwürdig sind, konzentriert sich dieser Eintrag auf diese.
Vorbemerkung: Westliche Staats- bzw. Suprastaats-Lügen sind in Zeiten des neuen Golfkriegs gewissermaßen an der Tagesordnung, die zeithistorisch bemerkenswerteste ist aber wohl die israelische Position, “man” sei vom jahrelang vorbereiteten Angriff der Hamas am 7./8. Oktober 2023 “überrascht worden”.
Derlei wurde ursprünglich von einem Staat verzapft, der in real time u.a. die Hotelzimmernummern iranischer Verhandler in Katar wusste. Als die ursprüngliche Staatslüge ruchbar wurde, ging Tel Aviv auf eine Inkompetenz-/Kommunikationsproblem-Theorie seiner Dienste über, die bis heute offiziell vertreten wird (und die zu wenig folgenreichen “Rücktritten” führte).
Das jüngste Narrativ – und der Anlassfall dieses Postings – ist der russischerseits mittlerweile hoch offiziell bestätigte Nexus von ukrainischen Drohnenangriffen auf Raffinerien und Treibstoffknappheiten in diesem Land.
Je nach Perspektive des Kommentierenden
ist das entweder eine legitime Kriegshandlung oder ein auf westliches Betreiben durchgeführtes Schurkenstück, das gegen die Interessen des “russischen Volks” gerichtet sei.
Ein Problem ist hier nun, dass die ukrainischen Angriffe per se keine Lüge sind, und wohl auch nicht die logistische und “Zielerfassungs-Hilfe” des Westens.
Offenkundig authentische, spektakuläre “Amateur-Footage” von Explosionen in russischen Raffinerie-Komplexen sind Beweis genug für die Angriffe.
Zugelassene Drohnen-Angriffe?
Das eigentliche Problem ist, dass die Wahrheit der aktuellen feindlichen Drohnenangriffe auf einem Jahrzehnte alten, tlw. in die Sowjetzeit zurückreichenden, fragwürdigen Fundament steht, das die “faktische Staatslüge” aktuell bekräftigt:
Dass Russland nämlich über schier unershöpfliche Bodenschätze verfüge,
die bisher quasi wie von Zauberhand für menschlichen ( = in- und ausländischen/westlichen) Konsum bereit gestanden seien.
Die Behauptung über die Ressourçen in der Erdkruste mag per se stimmen (oder auch nicht),
real entscheidend ist jedoch der “Flow”, also:
wie viel und mit welchen Mitteln (und welchem Aufwand) heute gefördert werden und in “gesellschaftlich nützlichen Output” umgewandelt werden kann.
Das gilt für Erze/Metalle ebenso wie für Erdöl bzw. Erdgas (“Treibstoffe”).
Auch wenn die “russischen Bürger” es nicht gerne hören,
- es bedarf “echten Kapitals”, “einschlägiger Technologie” und unterschiedlicher Treibstoffe/”Energie” um an die vorgeblich unerschöpflichen Bodenschätze (Erze, Öl, Gas) zu kommen bzw. diese zu “raffinieren”. Das gilt auch für “alte Hasen”, deren Namen wechseln mögen und die heute z.B. Rosneft heißen.
- Die russischen Konzerne mögen eine Weile von “alten Errungenschaften zehren” und “für die vorfindliche Natur beispielloses Know How haben” , aber ohne ständige Erweiterungs- und Verbesserungs-Investitionen wird die Erz- bzw. Rohölausbeute ständig zurückgehen, sodass
- bald nicht einmal mehr der Eigenbedarf des Landes gedeckt werden kann.
- Die “natürliche Erschöpfung” per se kann freilich nicht aufgehalten, sondern nur verzögert werden (“eigenes Dogma”)
An der Stelle des soeben angeführten “vierten Punkts” kommen Angriffe des Feinds auf Raffinerien gerade recht,
können diese doch erklären, warum es in einem Land mit vermeintlich unerschöpflichen Bodenschätzen zu Treibstoffknappheiten kommen kann.
Käme jemand auf die Idee die Lieferfähigkeit der staatsnahen Konzerne mit Erdöl zu bezweifeln,
könnte dies zweifellos “plausibel dementiert” werden (“plausible deniability”),
zumindest für die Ohren der Anhänger des Mythos vom unerschöpflichen Rohstoffreichtum Russlads.
Das Narrativ ist objektiv jedenfalls als Staatslüge zu sehen, ohne dass der russische Staat hier offiziell je gelogen haben mag
(es ist auf alle Fälle glaubwürdiger, wenn z.B. geheimdienstlich gefütterte”Experterl” derlei behaupten. Die wahren Zahlen wissen ja ohnedies nur ein paar “Ministeriale” und Manager in staatsnahen Konzernen)
Wie sich im Ukraine-Krieg immer wieder erwiesen hat, operiert das russische Militär im Nachbarland jedenfalls ständig mit Drohnen, ohne dass es freilich in der Lage zu sein scheint, seine Raffinerien im näher gelegenen “russischen Kernland” mit billigen Luftabwehr-Fluggerät zu schützen
(obwohl Moskau seit Monaten eigentlich vorgewarnt sein müsste).
Das alles ist zwar extrem seltsam, aber die russische Öffentlichkeit scheint eher geneigt allen möglichen (Pseudo-)Erklärungen Glauben zu schenken,
als vom Mythos des “unerschöpflichen Rohstoffreichtums von Mütterchen Russland” abzulassen.
An dieser Stelle sei noch einmal an zwei alte “pro-russische Narrative” erinnert, die entweder unmöglich oder wenig glaubwürdig sind:
Indien-Exporte, “die Hundertste”
Da ist zum einen der “Mythos der russischen Schattenflotte”, die etwa im Jahr 2024 rund 87,5 Millionen Tonnen russisches Rohöl nach Indien geliefert haben soll (EI, Statistical Review of World Energy 2025, p 34)
was seltsamerweise von westlichen Auskennern bis heute “geschluckt wird”.
Diese angeblichen Lieferungen sollen die Lieferausfälle in die EU nach 2022 ungefähr zur Hälfte kompensiert haben.
87,5 Millionen Tonnen jährlich sind ausweislich des norwegischen Offshore-Direktorats etwa 1,8 mmbd,
also 1,8 Millionen Barrel Tag für Tag.
Das ist lächerlich und alle Experterl müssen das wissen.
Moskau hat dieses Narrativ “wg. der Experterl” jedenfalls nicht “groß pushen” müssen.
Besagte Lieferleistung soll mit zusamengekauften Öltankern bewerksteligt worden sein, die um das Jahr 2000 erstmals in Dienst gestellt wurden.
Behauptet wird mit diesem Narrativ u.a., dass das russische Ural-Öl von Primorsk sozusagen in einem “Shuttle-Dienst” “Europa” umrundet hat und durch die Meeresenge von Gibraltar gesegelt ist, ehe sie den Suezkanal, das Rote Meer und die Meeresenge von Aden passiert hat,
um dann Kurs auf Mumbai zu nehmen.
Das wäre eine Seereise von etwa 16.000 nautischen Meilen oder 35 Tagen,
wogegen es von Primorsk nach Rotterdam 1.200 oder 1.500 nautische Meilen oder drei Tage gebraucht hat.
Möglich, dass der eine oder andere Schrottkahn der “Schattenflotte” eine solche Reise erfolgreich absolviert hat,
aber, bitteschön, nicht drei oder vier pro Tag!
“Coda Prigoschin”
Das dritte G’schichterl, das hier nur kurz erwähnt werden soll, ist die angebliche oder wirkliche Meuterei des Jewgeni Prigoschin,
die freilich nicht mehr sehr aktuell ist.
Der Mann ist angeblich ja tot, und was die Meinung dieses Bloggers betrifft,
so war das alles sehr wohl eine Meuterei (westlich unterstützt oder nicht),
allerdings eine eingehegte, “kontrollierte”,
ähnlich dem “Absprengen” von natürlich entstandenen Lawinen/Schneebrettern in den Alpen.
Bild: Rotafinus, CC 1.0 Universal Deed, via Wikimedia Commons
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