“Europa und Energie”: Eine Kritik des grünen Doomberg-Hühnchens

Dieser Blogger, ein langjähriger Kritiker speziell der “europäischen” Energiepolitik, teilt die Analyse der Menschen, die das grüne Doomberg-Hühnchen informieren, nur sehr bedingt. Nimmt man dessen Aussagen ernst, müsste der “alte Kontinent” nur von seiner langjährigen Etatismus- und Grün-Ideologie abrücken, russische Fossil-Brennstoffe “hereinholen”, neue AKWs bauen und Exploration und Produktion von “Shale” zulassen, um sein “Energie-Prädikament” zu verhindern oder wenigstens abzumildern. Während einige der von Doomberg erwähnten Punkte die Probleme wohl beschleunigt/verschärft haben, fragt sich, ob das grüne Hühnchen nicht auch von illusionären Prämissen ausgeht, zumindest teilweise. Ein paar Einwände.

Die erste der schiefen Annahmen des Hendls ist die Meinung, dass die EU – bzw. deren Teilstaaten – nur “mehr zulassen” und eine andere, “angebotsfreundlichere” Ordnungs- und Energiepolitik betreiben müssten, um energetisch besser dazustehen.

Faktum ist freilich, dass “Europa” spätestens seit dem Verfall seiner Kohleproduktion in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – und wahrscheinlich schon viel früher – eine Region darstellt, die arm an Energie-Ressourcen ist.

Daran könnten auch staatliche Genehmigungen für Shale-Explorationen oder ein Neustart von Groningen nichts ändern.

Die natürlichen Ressourçen sind auf der Welt so verteilt, wie sie es eben sind. Punkt. Wie u.a. dieser - kostenpflichtige – Eintrag zeigt, gehört Europa – zusammen mit Asien heute zu den puncto Primärenergie verwundbarsten Regionen der Welt.

Das ist vermutlich “historisch normal“. Das sg. Europa hatte schon in den “Holz-Zeitaltern vor 1800″ keine besonders üppigen Energie-Rohstoffe.

Die 15, 20 Jahre Nordseeöl, im “großen Bild” ein Wimpernschlag, waren die “historische Ausnahme”.

Das Nordsee-Öl

Am Höhepunkt des Booms, 1999, wurden in der Nordsee knapp 6 Millionen Barrel Öl pro Tag produziert, etwa ein Drittel dessen, was (ohne Russland) damals in Europa verbraucht wurde (siehe dazu z.B. BP, Statistical Review of World Energy 2005, p.9). 3mmbd wurden in diesem Jahr von N und weitere 3mmbd Öl vom UK gefördert.

Von da an ging’s bergab. Anders als vom grünen Hühnchen suggeriert, haben Aufstieg und Fall des Nordseeöls aber nur bedingt mit den “Ölkrisen” der 1970er bis 1985 und dem energiepolitischen “Schwenk” Europas ab etwa 1995 zu tun

(die historischen Ölpreise waren seit Mitte der 1980er übrigens nicht besonders hoch).

Das Nordseeöl war ein unverhoffter “Windfall”,

der viele “kontinentaleuropäische und englische Politicos” Jahre über den Ernst der Situation hinweg getäuscht haben mag.

Heute produzieren N und das UK zusammen nur mehr 2,5 mmbd (siehe EI, Statistical Review 2025, p. 21), wobei der Rückgang in Norwegen wegen ständiger Explorationen & Erweiterungen/Neuerschließungen viel weniger stark ausgefallen ist als in Großbritannien.

Tatsächlich erzeugt N aktuell noch immer etwa 1,8 mmbd Öl. Die norwegischen Offshore-Vorkommen von Öl und Gas sind der “seidene Faden”, an dem die EU heute noch hängt. Mit “grüner Politik” hat das freilich höchstens indirekt zu tun,

ebensowenig wie der problemlos dokumentierbare Absturz der Gasförderung in Groningen in den “2010er-Jahren” etwas damit zu tun hat

(oder auch mit Erdbeben, Anrainerprotesten, usw. – dem heuchlerischen Etikett “phasing out of production” zum Trotz).

“Erschöpfung der natürlichen Ressourçen” lautet der  Schlüsselbegriff.

AKW-Trugschluss, EU-Shale

Natürlich wäre auch Nuklearenergie kein “Gamechanger”, weil Atomkraft (“Fission”) – zumindest bisher – ausschließlich ins Stromnetz geliefert hat, das wiederum nur 20 – 25 Prozent des Endenergie-Verbrauchs stellt.

Selbst wenn man also in der Lage wäre, mit neuen AKWs den Anteil von “Atomstrom” in der Elektrizitätserzeugung zu verdoppeln oder gar zu verdreifachen, blieben die Auswirkungen auf der Ebene der “Primärenergie” überschaubar und

die Leute hinter dem grünen Hühnchen wissen das zweifellos.

Ein weiterer wunder Punkt betrifft die europäischen Shale-Formationen, die selbst unter viel besseren politischen und regulatorischen Voraussetzungen kaum das “liefern” könnten, was sich Wunschdenker erträumen.

Das ist im strengen Sinn zwar “nicht beweisbar” (“kontrafaktische Historie” ist nie beweisbar), das Schicksal des einstigen nordpatagonischen Hoffnungsgebiets “Vaca muerta” legt das aber nahe.

Obwohl dort auch seit den 2010er-Jahren exploriert und entwickelt wird, förderten die Argentinier 2025 nur 550 mbd unkonventionelles Öl, gut ein Zwanzigstel des in den USA produzierten Schiefer-Öls, siehe z.B. hier. Daran werden weder Xaver Milei noch “bessere Rahmenbedingungen für Investitions-Kapital” groß etwas ändern.

Problematischer China-Vergleich

Auch der von der interviewten “Zeichentrickfigur” angestrengte Vergleich Europas mit der Volksrepublik China “hinkt” und kann zu falschen Schlussfolgerungen verleiten.

Es ist wahr und aus den Emissionsstatistiken der vergangenen zwei Jahrzehnte leicht ablesbar, dass sich China (“mit westlicher Finanzhilfe”) seit den 1990ern rasch industrialisiert und dafür seine Kohlevorräte heran gezogen hat

(was übrigens ein Teil des vom grünen Hühnchen erwähnten relativen Bedeutungsverlusts von Erdöl ist. Der andere Teil hört auf den Namen “Erdgas”).

Aber es ist blauäugig zu glauben, dass die PRC ihre Kohleproduktion weiter linear steigern kann oder gar  freiwillig und von selbst demnächst auf “saubere Energie” umschwenken wird. Für derart dumme Behauptungen reichen “PCR-Bonzen” und “westliche Grün-Aktivisten” völlig aus,

dafür braucht es keine grünen Hühnchen.

Die Wahrheit ist, dass China – wie “Europa” vor 100 Jahren -

  • zunehmend Probleme mit der Förderung von Kohle bzw. deren “Verfrachtung” in die Ballungszentren an seiner Ostküste hat,
  • wofür “paradoxerweise” Diesel etwa für Trucks benötigt wird (in “Europa” vor 100 Jahren ging das noch mit Kohle befeuerten Loks).

Da hilft es auch nichts, wenn aus der inneren Mongolei oder Xinjiang ggf. hochwertiges Anthrazit kommen tät’.

Wenn weder ausreichend Diesel, noch Infrastruktur vorhanden ist, nutzt der ganze Überfluss in entlegenen Provinzen nix.    :mrgreen:

Oh, und weil das grüne Hühnchen auch der modischen “demand destruction”-Ideologie anzuhängen scheint:

der “relative Bedeutungsverlust” von Öl als Anteil an der Primärenergie hat relativ wenig mit “the shedding of oil consumption”, der “Abkehr vom Öl durch junge Generationen” oder der beschleunigten Substitution ölbasierter Treibstoffe durch andere Energieträger zu tun.

Wenn derlei zuträfe, müsste schon im vergangenen Jahrzehnt die weltweite Produktion von “C&C” und “All Liquids” merklich gesunken sein

- was nicht der Fall ist (die Produktion verbleibt auf einem “Hochplateau” oder legt inklusive “definitorischem Öl” sogar zu).

Es ist halt leider so, dass unsere “Zivilisationen” ohne nicht funktionieren

und das ist auch schon die “zentrale Crux”.    :mrgreen:

Unabhängiger Journalist

Comments are closed, but trackbacks and pingbacks are open.